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Die Psychoanalyse ist in einer ihrer Anwendungen, nämlich als Heilmethode, messianisch wie jede Heilmethode. Sie verspricht dem Leidenden Heilung oder Linderung, wofern er sich ihr anvertraut. In der Durchführung ihres Versprechens trachtet sie aber Wissenschaft zu sein, indem sie dem Patienten gewisse Mechanismen aus dem Unbewußten ins Bewußtsein hebt, Komplexe scharf umschreibt, ähnlich einem operierenden Chirurgen. Der Unterschied wird freilich klar genug: Seelische Komplexe lassen sich mit einem Tumor nicht recht vergleichen, und das Messianische läßt sich zwar aus dem Verkehre des Chirurgen mit seinem etwa narkotisierten Patienten, nicht aber aus dem Verkehre des Analytikers mit seinem Analysanden völlig ausschalten.
Freud's Psychoanalyse, ernsthaft gewillt, alles Seelische als ihr Material anzusehen, war gezwungen auch das Messianische an sich zu studieren und hat so einige interessante Gesichtspunkte zum psychischen Gerüst der Religion beigetragen. Das Wesen der Religion fällt aber nicht in den Gesichtskreis der Psychoanalyse. Es gibt keine Wissenschaft, in deren Gesichtskreis Raum wäre für Gott, Unendlichkeit und freien Willen. Es hat Zeiten gegeben, in denen — nicht die Religion — sondern die Kirchen sich übernommen haben und im Namen des Glaubens die Wissenschaft einzuschränken versuchten. Es hat andere Zeiten gegeben, in denen die Wissenschaft sich übernahm und die Religion und die Religiösen verspottete. Das Lachen Voltaires dröhnt noch immer durch die Welt. Auch versucht immer wieder die eine Religion die andere auszurotten (so wie gerade jetzt die bolschewistische Religion die griechisch-orthodoxe). Der Glaube, daß alles Wissenswerte im Koran enthalten sei, wird abgelöst von dem Glauben, daß man des Korans nicht bedürfe, die Wissenschaft werde ihn ersetzen. Es gab wohl auch Zeiten, in denen die Politik sich vermaß auf beide, Wissenschaft und Glauben, zu verzichten, wie jene Antwort des französischen Revolutionstribunals an den großen Chemiker Lavoisier