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Auch heute noch ist die Disziplin der Ästhetik so wenig von ihrer alten normativen Betrachtungsweise losgekommen, daß sie die mißglückte oder halb geglückte künstlerische Leistung nicht der Untersuchung wert hält. Mit Unrecht, denn die Pathologie ist gerade dadurch, daß sie Vorgänge verzerrt und vergröbert, so oft lehrreicher als das Studium des Normalen. So vermag uns der mißlungene oder halbgelungene Witz manches über die Psychopathologie des Komischen zu sagen.
Auch hier ist die Empirie der Spekulation vorzuziehen. Es macht wenig Unterschied, ob man die betreffenden Erfahrungen durch Fremd- oder Eigenbeobachtung gewinnt. Zu beiden hatte ich Gelegenheit, als ich mich vor einiger Zeit bewegen ließ, einem Vortragsabend, den ein Wiener Volkssänger in einem Kurort gab, beizuwohnen. Diese halb widerwillig besuchte „Zerstreuung” hatte freilich nicht den von meinen Begleitern erhofften Erfolg der Unterhaltung; immerhin den des unbeabsichtigten Experimentes, dem sich weitere Beobachtungen und Betrachtungen anschlossen. Die meisten Vorträge waren kaum mittelmäßig. Am ehesten durfte man noch einige sentimental gefärbte als komisch gelten lassen. Die beabsichtigt komischen aber, die Spässe über die neuen Steuern, über die Pleite, über die Wiener Gemütlichkeit waren fast betrübend. Dennoch gab es im ganzen Saal lebhafte Heiterkeit. Mehr oder minder zarte Anspielungen auf sexuelle Vorgänge, Sticheleien gegen eine bestimmte Partei, die kaum viel dümmer war als ihre Gegenpartei, wurden, wenn auch nicht verständig, doch verständnisinnig aufgenommen. Die Wirkung dieser in ihrem Kern harmlosen Leistungen war überraschend stark, in manchen Fällen war sie sogar unverständlich stark. Es gab da ein paar Couplets, die in ihrer Einfältigkeit die Zuhörer zu lautem Protest hätten hinreißen müssen: sie rissen sie zu lautem Beifall hin. Weniger der Inhalt der Vorträge als die Art ihrer Aufnahme bot