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„Denn wo ist es leichter sich das Ansehen, eines denkenden Kopfes zu geben, als in Untersuchungen wo Schwierigkeit etwas Zusammenhängendes und Bleibendes zu sagen an physische Unmöglichkeit grenzt …”
Angst vor der Zukunft, den Nebenmenschen, ein Bedürfnis nach Sicherheit und Selbstlob, sowie die allgemeine Neigung der Menschen zu Leicht- und Wundergläubigkeit, endlich Abneigung gegen die ernste und umständliche, auch nur Wenigen zur Verfügung stehende Wissenschaft — läßt die Leute immer wieder der Graphologie, Astrologie, Chiromantik und Physiognomik hineinfallen. Das magisch-mystische Erraten, die Verwendung von Intuition oder Einbildungskraft imponieren einfachen Gemütern im vorwissenschaftlichen Zustand gar sehr.
Daß es zum Verstehen einer menschlichen Seele, zur Kenntnis eines Menschen — bei der Kompliziertheit des Seelischen und seines individuellen Werdens — einer geduldigen Beobachtung durch einen langen Zeitraum, einer Psychoanalyse bedarf, wird noch immer nicht geglaubt. Daß der Mensch sich nicht nur enthüllt, sondern immer wieder Gründe hat, sich zu verhüllen; daß sein seelischer Bestand zu einer gewissen Zeit das Resultat komplizierter Entwicklung (Verdrängung, Reaktionsbildung, Sublimierung usw.) darstellt, dazu Reste früherer Entwickelungsperioden enthält, u. dgl. Schwierigkeiten mehr, ist unangenehm, aber Erfahrungstatsache.
Die Wissenschaft ist unzugänglich oder bleibt doch umständlich im Vergleich zur Graphologen-Beratung, zum Besuch bei einer Wahrsagerin; hier kann man auch, wenn das Resultat nicht konveniert, die Methode nachträglich entwerten.
Die Physiognomik hat es übrigens am wenigsten weit gebracht. Hat man je gehört, daß es einer Frau genügt hätte, die Physiognomie eines Bewerbers beurteilen zu lassen, statt seinen Brief einem Graphologen vorzulegen!?
Die Physiognomik hat es daher auch noch nicht dazu gebracht, einen ihrer Vertreter zu ernähren.