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Die heutige Biographik läßt sich in fünf Gruppen einteilen: Die psychoanalytische, die halb- und viertelanalytische, die „unabhängige”, die mißverstehende und endlich die naive.
Die psychoanalytische Biographik versucht mit den Mitteln der von Freud geschaffenen Tiefenpsychologie die Psyche der zu beschreibenden Person zu verstehen und behauptet, daß ohne Kenntnis des Zusammenwirkens der einzelnen „psychischen Provinzen” die Motive der Handlungen und Unterlassungen eines Menschen nicht erklärbar sind. Sie hat bisher eine ganze Reihe von Leistungen zu verzeichnen: Es seien Arbeiten von Freud (Leonardo da Vinci), Hitschmann (Gottfried Keller, Schopenhauer, Hamsun, Brahms, Eckermann), Jekels (Napoleon) und H. Deutsch (George Sand) genannt. Diese Arbeiten sind in ihrer Art bewunderungswert, sind zugleich für den Laien schwer verständlich. Sie sind Leckerbissen für kultivierte analytisch gebildete Feinschmecker. Doch bieten sie keinen Spielraum für idealisierende Verklärung, verherrlichen nicht, sondern erklären. Desillusionierende Erklärung, — es ist das Gegenteil dessen, was der Durchschnittsleser von einer Biographie erwartet: er will Helden, mit denen er sich vorübergehend identifizieren kann. Und was wird ihm geboten? Verständnis. Das wollte er ja gar nicht von einer Biographie. Verstehen kann er seiner Meinung nach alles selbst, er hat für alles eine Erklärung, denn im Psychischen ist bekanntlich jeder ein Sachverständiger und nur die eingebildeten Analytiker bestreiten dies.
Dazu kommen die bekannten Schwierigkeiten: der Zweifel an der Existenz und Arbeitsweise des Unbewußten, die Enttäuschung über kühle, unpoetische, sachlich-wissenschaftliche Betrachtungsweise, kurz, die belletristischen auf Massenkonsum eingestellten Verleger werden sich auch in absehbarer Zeit um psychoanalytisch geschriebene Biographien kaum bemühen.