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Freud hat bekanntlich ausdrücklich betont, daß ihm die Hauptschriften Nietzsches seinerzeit, als er seine grundlegenden Ideen konzipierte, nicht bekannt gewesen sind, er hat sich vielmehr instinktiv vom fremden Schrifttum abgeschlossen, um nicht in seinen eigenen Gedankengängen beirrt zu werden.
Auf den Parallelismus der Nietzscheschen und Freudschen Psychologie weist neuerlich in sehr aufklärender Weise Dozent Otto Kant (Tübingen) hin1).
Wir entnehmen dem Vortrage die folgenden Stellen:
„Jeder, der heutzutage aus Neigung oder Beruf eine größere Reihe von Essais oder biographischen Aufsätzen in den führenden Zeitschriften zu lesen unternimmt, dürfte bald die Entdeckung machen, daß allen diesen Aufsätzen stets in der Art ihrer Anlage gewisse gemeinsame Züge innewohnen. Es wird nicht etwa ein klar zutage liegender Sachverhalt bündig mitgeteilt, sondern es wird dauernd etwas bisher Verborgenes zu enthüllen getrachtet. Wenn man es ganz banal sagen will: Man entnimmt dem Aufsatz, daß ein bestimmter Sachverhalt nicht so ist, wie er dem unbefangenen Leser anfangs zu sein scheint, sondern anders. Und so werden zunächst ganz paradox anmutende Ergebnisse mitgeteilt. Eine bekannte geschichtliche Tat, deren Täter als Heros gefeiert wird, wird auf eine ursprüngliche Angstsituation, die dann überwunden wurde, zurückgeführt. Wo wir Stärke zu sehen gewohnt waren, lernen wir eine verborgene Schwäche kennen, scheinbarer Edelmut entpuppt sich als Egoismus usw. usw. Dieser Zug zur Enthüllung, der dieser ganzen Literatur innewohnt, scheidet alle Sachverhalte in eine zunächst vor Augen liegende Oberfläche, die dann tatsächlich als oberflächlich und unwesentlich abgetan wird, und in eine Tiefe, der alles wirklich Wesentliche und Wertvolle zugesprochen wird. Es versteht sich, daß es sich hier um eine psychologische Betrachtungsweise aller Geschehnisse handelt, und zwar jene Art von Psychologie, die in der neueren Zeit wegen ihrer Beziehung zu anscheinend verborgenen Seelenvorgängen nicht selt