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Neuerdings hat man ein alles erklärendes Schlagwort für die Freudschen Mechanismen gefunden — den „Genius loci“. Wien und der böse Süden seien Gegenden, wo die Sexualität sieh üppig ausbreite. Daheim im Deutschen Reich, im kühlen Norden herrsche nur eine, durch seltene Ausnahmen schwer degenerierter Kranken, gestörte Keuschheit. Sadger führt uns, um sein eigenes Wort zu zitieren, „ein Schwein aus dem Norden vor“, in seiner bekannten epischen Breite und fast stenographischen Gründlichkeit. In einem Referat annäherungsweise diese Arbeit wiederzugeben ist unmöglich. Wie immer, versucht Sadger auch die Einflüsse der erblichen Belastung zu zeigen und bekundet seinen erprobten Spürsinn als Psychoanalytiker. Von Bedeutung ist die Beschreibung eines neuen Phänomens, das er nach Freuds Vorschlag den „sekundären Autoerotismus“ nennt. Bevor sich das Primat der Genitalien entwickelt, schiebe sich eine Zwischenepisode ein. Der Trieb sei noch immer autoerotisch und eines fremden Objektes entbehrend, er knüpfe an erogene Zonen an. Es bleibe nur die einzige Aufgabe, das Membrum zur Schleimhaut der haupterogenen Zone zu führen, d. h. zum Mund und zum Anus. Die Phantasie von Schlangenmenschen, die Rops'schen Phantasien verdanken ihre Entstehung diesem sekundären Autoerotismus. Von Interesse sind auch die neuen Thesen, die Sadger zur Theorie der Homosexualität aufstellt.
1. Der Urning leidet an der Abkehr von der Mutter, die er verdrängt, indem er sich mit ihr identifiziert. 2. Er liebt sich selber. 3. Er sucht sich selber. 4. Das Aufwachsen in ausschliesslich weiblicher Umgebung befördert die Entstehung der Homosexualität. Urninge sind meist einzige Kinder. 5. Die Inversion wird durch nachträglichen Gehorsam gegen die Worte der Mutter, die den Verkehr mit dem anderen Geschlecht als etwas Unrechtes darstellt, fixiert.
Die Arbeit ist ein wertvoller Beitrag zur Psychologie der Perversion und bringt auch reiche Details zur Entstehung hysterischer Absenzen.
Dr. W. St.