You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Ein Patient meiner Behandlung bewahrt eine Erinnerung aus seiner Kinderzeit, die ich im folgenden mitteilen und besprechen will.
Er war das einzige Kind einer besonders zärtlichen Mutter, die er verlor, als er 10 Jahre alt war. Für den plötzlichen Entgang an Liebe fand er keinen anderen Ersatz als Tagträume, in denen er sich die Anwesenheit der Verstorbenen zurückphantasierte; nach dem Vorbilde der bekannten Kindergeschichten, in welchen lang vermisste und tot geglaubte Personen schliesslich wie durch ein Wunder zurückkehren, dichtete er sich häufig Romane, die mit der Wiedervereinigung mit seiner Mutter endeten. Seine Angabe, dass ihm diese Phantasiebetätigung am fliessendsten von statten ging, wenn er am Bette der verstorbenen Mutter sass, klingt uns ganz verständlich; war dies doch die Stelle, an welcher er so viele glückliche Wiedervereinigungen mit seiner Mutter feierte, wenn sie ihn, was tatsächlich bis in die letzte Zeit geschehen sein soll, „zur Belohnung“ zu sich ins Bett nahm. Bald nachher traf es sich, dass sein eigenes Bett an jenen Platz gestellt wurde, an welchem früher das Bett seiner Mutter stand, was den Knaben sehr befriedigte und seinen Träumereien Vorschub leistete.
Eines Abends bemerkte er, im Bette liegend, an der Wand ein Borstenhaar kleben; es war ein Pinselhaar, offenbar vom Pinsel des Tapezierers herrührend, das mit einem Ende zwischen zwei aneinanderstossende Blätter der Papiertapete eingeklebt war, mit dem anderen Ende frei in die Luft ragte. Er fühlte sich versucht, die Borste anzufassen, empfand aber zugleich eine eigentümliche Abhaltung, sie zu berühren, und so oft er den Versuch wiederholte, hielt ihn die gleiche Scheu zurück. Dabei tauchte ihm, gleichsam als Motivierung seiner unverständlichen Abhaltung, die nicht minder unverständliche Vorstellung auf, als ob zwischen dieser Borste und dem Leben seiner Mutter irgend ein Zusammenhang bestünde, als ob er die Borste schonen müsste, wenn er sich nicht seine Hoffnung auf den Wiederbesitz s