You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Schon vor 6 Jahren beschäftigte mich das Problem Weininger in lebhaftem Masse. Ich schrieb damals: („Die Wage“ 1904 Nr. 44 und 45 „Der Fall Otto Weininger“). „Weininger hat das Weib nur deshalb
so gehasst, weil es ihm nicht vergönnt war, es zu lieben. Zum Don Juan muss ihm die physische Eignung gefehlt haben. Seine hypertrophische Liebe verwandelte sich in hypertrophischen Hass. Sein Buch „Geschlecht und Charakter“ zeigt jene UnVerlässlichkeit, wie sie die Jugend besitzt, die vorübergehenden Stimmungen den Wert einer vollendeten Lebensanschauung beimisst.“ An diesem Buche, führte ich aus, sei nun Weininger gestorben, weil er nicht imstande gewesen, nach den Prinzipien, die er aller Welt gepredigt, zu leben.
Unabhängig von mir ist nun Dozent Swoboda, der meine Arbeit nicht kannte, zu ähnlichen Erkenntnissen gekommen. Allein der Wert dieses kleinen Werkchens geht weit über das Problem Weininger hinaus. In freier Anwendung der Freud'schen Erkenntnisse kommt er zu theoretischen Schlüssen, die geradezu verblüffend sind und die der über reiche Erfahrung verfügende Psychoanalytiker, als zu Recht bestehend, bestätigen muss. Es ist mir unmöglich, auf den reichen Inhalt der Arbeit von Swoboda einzugehen. Nur einige aus dem Werke herausgenommene Sätze mögen hier Platz finden. Sie werden gewiss den einen oder den anderen bewegen, sich mit der ganzen Arbeit zu beschäftigen:
„Jeder echte Gedanke, der also von seinem Schöpfer ausgetragen und geboren wurde, ist ein wirkliches Lebewesen, das allen denen, die es in sich aufnehmen, Leben mitteilt.“
„Ein unterdrückter Wunsch, ein unterdrückter Gram oder Groll ist wie ein Hammer, der beliebige Vorstellungen mit aller Kraft zu einem Gebilde zusammenschweisst, das dem unterdrückten Gefühl Befriedigung verschafft.“
„Es gibt nicht nur eine geniale Neuschöpfung, sondern auch eine geniale Weiterbildung von Ideen. Wer einen fremden Gedanken aufnimmt wie fruchtbarer Boden ein Samenkorn, der vermag diesem Gedanken eine Neugestaltung zu geben, die