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I. Jede Wissenschaft hält in ihrer Jugendzeit die auffallendsten, an der Oberfläche liegenden Erscheinungen für die einzigen, die es gibt; zeigen sich aber im Laufe der Zeit andere, unauffälligere, tiefer liegende Erscheinungen, so bemüht sie sich, auch diese von den ersteren abzuleiten. Erst wenn die Forschung eine grosse Menge solcher Elementarvorgänge zutage gefördert hat, zeigt sich die Mannigfaltigkeit und Kompliziertheit der oberflächlichen Vorgänge, erst jetzt sieht man ein, dass, das, was früher als einfach und selbstverständlich galt, weit davon entfernt ist, das übrige zu erklären, ja, dass es selbst erst einer Analyse und Erklärung durch Einfacheres bedarf. Hat man dies erst erkannt, so öffnet sich ein tiefer, geräumiger Schacht, in welchem der tüchtige Forscher durch eifriges Suchen eine ungeahnte Menge von Wurzeln findet, aus denen sich alles, was er vorher auf der Oberfläche der Erde sah, ernährt und bildet Eine lohnende Arbeit, eine fruchtbare Zeit tut sich der Wissenschaft auf; alte Dogmen werden verurteilt und begraben, neue Theorien werden aufgerichtet; alte Werte werden umgeprägt; auf den Quadern der exakteren Methode wird eine ganz neue Wissenschaft aufgebaut. Die Revolution ist vorüber; es beginnt eine neue Evolution.
So wurde die Physiologie durch die Entdeckung der Zelle revolutioniert. Auch die Psychologie erlebte im 19. Jahrhundert eine Revolution; sie hat sich aus dem Gebiete der Philosophie losgerissen und ist zu einem jungen Zweige der Naturwissenschaften geworden. Leider ist diese Revolution in mehreren Etappen, in getrennten Lagern vor sich gegangen: in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ist die Stagnation dieser Wissenschaft so allgemein aufgefallen, dass sich Zoologen und Physiologen, ja Botaniker und Physiker berufen glaubten, dies Mauerblümchen heimzuführen1). So gibt es jetzt tatsächlich nicht eine Psychologie, sondern eine ganze Menge: physiologische Psychologie (= die Reflexpsychologie), logische Psychologie (= die Assoziationsps