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Ich habe sonst ein sehr gutes Gedächtnis für Familiennamen, namentlich für die meiner Patienten. Ende Oktober 1910 trat in meine Spitalabteilung ein Pat. mit doppelseitiger Spitzentuberkulose ein, für den ich lebhaftes wissenschaftliches Interesse empfand und den ich einer Tuberkulinbehandlung unterwarf. Ich nahm persönlich die genaueste Krankengeschichte mit dem Pat. auf, besuchte ihn täglich zweimal; trotzdem vergass ich jedesmal seinen Familiennamen, worüber die Oberin meiner Abteilung ganz erstaunt war.
Ich nahm mir vor die Sache psychoanalytisch anzugehen, um mir das Vergessen in diesem Falle zu erklären.
Der Pat. heisst Ksensenko. Zerlegt man das Wort in zwei Teile, dann erhält man Ksens und enko; enko ist die Endigung für kleinrussische Familiennamen und hat nichts Bemerkenswertes an sich. Das Schwergewicht liegt wohl an dem Wort Ksens. — Das bedeutet im Russischen Jesuitenpater oder katholischer Geistlicher. Nun habe ich eine gewisse Abneigung gegen Geistliche überhaupt und Jesuitenpatres im Speziellen. Das Vergessen des Familiennamens Ksensenko ist also auf Verdrängung des Wortes Ksens zurückzuführen. Nach Klarstellung des Falles durch Psychoanalyse behielt ich den Namen im Gedächtnis.
Vor ca. zwei Jahren hatte ich einen Assistenten, der nicht nur denselben Familiennamen wie ich trägt, sondern auch den Zunahmen des Vaters (ich heisse: David Jakowlewitsch, mein Assistent: Léon Jakowlewitsch). Während ich vom Dienstpersonal eine gewisse Disziplin verlangte und deshalb etwas gefürchtet war, zeichnete sich der oben erwähnte Kollege durch Milde und Güte aus, er war deshalb der ausgesprochene Liebling seiner Untergebenen.
Nun fiel es mir auf, dass ich sowohl von der Oberin als auch von den Krankenschwestern mit „Léon Jakowlewitsch“ (statt David Jakowlewitsch) apostrophiert wurde; nach der Korrektur verfiel die Sprecherin in denselben Fehler. Es war also offenbar das Versprechen durch eine unbewusste Regung der Ged