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In Russland hat die Psychoanalyse bis jetzt noch keine grosse Verbreitung gefunden. Die russische Medizin bleibt noch immer ganz im Banne des Materialismus, und wenn auch von vielen Neurologen und Psychiatern die Erfolge der Hypnose und Suggestion anerkannt werden, so haben doch diese therapeutischen Heilmittel keinen Einfluss auf die herrschenden theoretischen Ansichten vom Wesen der neurotischen Störungen, und die rein anatomisch-physiologischen Lehren behalten unerschüttert ihre Herrschaft auf dem Gebiete der Neurosenforschung. Die Ideo- oder Psychogenität der neurotischen Symptome ist eine von dem Gros der Ärzteschaft noch wenig anerkannte und in therapeutischer Hinsicht wenig berücksichtigte Wahrheit.
Eine geringe Änderung der Situation haben die letzten 4-3 Jahre doch mit sich gebracht. Leise Regungen aus dem Auslande machten sich bemerkbar, die von einer psychischen Beeinflussung der Neurotiker als einer selbständigen, zielbewussten Therapie sprachen. Unter ihrem Einfluss hat eine kleine Zahl Moskauer Ärzte im Jahre 1909 eine Zeitschrift „Psychotherapia“ gegründet, die allen Richtungen und Strebungen auf dem Gebiet der psychischen Seelenbehandlungen ihre Türe weit öffnet. Die der Psychoanalyse gewidmeten Arbeiten nehmen auf den Seiten dieser Zeitschrift quantitativ wie inhaltlich den ersten Platz ein. Andere SpezialSchriften haben schon seit 1908 einige Arbeiten über Psychoanalyse gebracht. Darunter sind viele Referate und Berichte über die ausländische psychoanalytische Literatur und einige eigene Beobachtungen und selbständige Analysen.
Von den Referaten sind in erster Linie die Arbeiten Ossipow's (in Moskau) zu nennen. Ossipow hat sich in dieser Beziehung ein grosses Verdienst erworben und durch seine ausführlichen und mit wohlwollender Objektivität und Verständnis verfassten Berichte und Mitteilungen viel zur Verbreitung der Lehren Freud's und der Zürichschen Schule beigetragen. Im Jahre 1908 hat er in dem Korsakow'schen Journal (Heft 6) eine grosse Arbeit