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Es kommt mir selten ein Fall von Neurose vor, der nicht in ausgeprägter Weise Gedankengänge der Syphilisfurcht verriete. Bald steht dieses Symptom im Vordergrund, ist oft das einzige, dessentwegen der Patient den Arzt aufsucht, bald wieder verwebt es sich mit einer Unzahl anderer Symptome in der mannigfaltigsten Weise. Meist sind es Patienten, die noch keine Infektion durchgemacht haben. Aber auch ehemals infizierte Neurotiker zeigen zuweilen eine derartige Phobie, ersetzen sie jedoch häufiger durch die Furcht vor Gonorrhöe, vor Morpiones und Ungeziefer, oder vor Tabes und Paralyse, oder sie zittern vor dem Schicksal ihrer noch lange nicht geborenen Kinder. Stets heftet sich ein ungeheures Interesse an den Syphiliskomplex, in Wort und Schrift jagen sie diesem Thema nach, und nicht selten findet man auch, wie sich diese Aufmerksamkeit zeichnerisch, malerisch betätigt.
Dass die Phobiker und Hypochonder vorsichtig sind, wäre eine Binsenwahrheit, und es lohnte nicht der Mühe, davon zu sprechen, wenn sie diesen Charakterzug nicht mit jedem Neurotiker teilten. Eine eingehende Analyse dieser Zustände kann jeden leicht belehren, dass die phobischen und hypochondrischen Symptome eine ausgezeichnete Eignung besitzen, ihren Träger vor einer Gefahr zu sichern, ja dass Vorsicht in unserem Sinne fast überflüssig erscheint, da sie ganz durch die Phobie ersetzt werden kann.
Nun entstehen jene Zustandsbilder, deren Auflösung und Verständnis so grosse Anforderungen an den Neurologen stellen. Da die Phobie aus der Sicherungstendenz entspringt, den Patienten mehr als genugsam behütet, darf er sich schon den Luxus erlauben, Unvorsichtigkeiten zu begehen. In der Tat kann jeder Syphilidophobe Beweise erbringen, wie unvorsichtig er sein kann. Steckel hat in seinen „Nervösen Angstzuständen“ (Urban und Schwarzenberg, Berlin und Wien 1908) auf diese „Bipolarität“ kurz hingewiesen. Der psychische Zusammenhang dieser, wie Bleuler sagen würde, „voluntären Ambivalenz“ ist damit allerdings noch nich