You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Freud hat in die lange Zeit zur Ruhe gekommene Geisteswissenschaft frisches Leben und kraftvolle Bewegung gebracht. Er hat uns die Augen geöffnet für die Vorgänge in unserem Seelenleben, an denen wir bisher achtlos vorübergegangen waren. Freud's Auffassung führt von der oberflächlichen Betrachtung der seelischen Geschehnisse hinab in ihre Tiefe und lehrt uns, dort die wahren und eigentlichen Triebkräfte
unseres Seelenlebens erfassen. Es wird das unvergängliche Verdienst Freud's bleiben, unsere Aufmerksamkeit auf die grundlegende Bedeutung der Sexualität in des Begriffes weitestem Umfange für unser Geistesleben erkannt und bewertet zu haben. Die Psychologie ist vor neue Aufgaben, neue Fragestellungen, neue Arbeitsgebiete gestellt, und schon jetzt kann man sagen, dass Freud und seine Schüler höchst Bedeutendes hierin geleistet haben. Die Psychiatrie verdankt Freud frische lebenskräftige Impulse; den Weg Freud's haben hervorragende Psychiater bereits betreten, so Bleuler und Jung in der Schweiz. Die Traumforschung ist in ganz neue Bahnen von Freud geleitet worden, und wie der wahre Genius nach vielen Seiten befruchtend wirkt, verdanken Freud die Pädagogik, die Religions-Psychologie, die Erkenntnis des Wesens vom Mythus und Märchen neue Einblicke und weite Fernblicke. So kann es auch nicht wundernehmen, dass die Kriminalpsychologie von dem veränderten Standpunkte aus eine neue, nicht laut genug zu begrüssende Bereicherung und Vertiefung erfahren hat. Da ist es Dr. Erich Wulffen, Staatsanwalt zu Dresden, welcher durch die Forschungen Freud's angeregt in die alten herrschenden Anschauungen eine gewaltige Bresche gelegt hat. Sein grosses Werk „Der Sexualverbrecher“, welches 1910 im Verlage von Dr. Langenscheidt in Lichterfelde erschienen ist, bringt uns zu einer völlig neuen Anschauung des Verbrechers, welche nicht nur geeignet ist, in theoretischer Hinsicht bahnbrechend zu wirken, sondern auch die Kraft in sich trägt, die überlieferten Begriffe von Strafe und Vergeltung