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Die Asexualität des Kindes ist ein Vorurteil und, wie jedes Vorurteil, ist es um so stärker und tiefer im Bewusstsein der kulturellen Menschheit eingewurzelt, je älter und grundloser es ist. Aber ebenso wie das Märchen von der „paradiesischen Unschuld” des Urmenschen einer richtigen kultur-historischen Kenntnis der Entwickelung der menschlichen Gesellschaft Platz gemacht hat, so muss auch unter dem Andrang der neuen psychoanalytischen Forschung und Erfahrungen die naive Annahme der geschlechtlichen Unschuld des unreifen Individuums durch eine neue, wahre, den Tatsachen der Realität entsprechende Wissenschaft von der Sexualentwickelung und dem Sexualleben des Kindes ersetzt werden. Freilich, die Psychologie, die weit vom Getriebe des Lebens, am grünen Tisch abstrakte Spekulationen schafft, und die experimentelle Psychologie des Versuchszimmers kennen kein Sexualempfinden beim Kinde, und die Ignoranz hat in der herrschenden heuchlerischen Moral einen mächtigen Bundesgenossen gefunden und Leidenschaften geweckt, die bei einer wissenschaftlichen Streitfrage nicht mitsprechen dürften. Wer aber vorurteilslos „ins volle Menschenleben greift”, der wird die Äusserungen der infantilen Sexualität auf jedem Schritt und Tritt in ihrer ganzen Offenheit und Unzweideutigkeit beobachten können.
Das Kind kennt zwar kein Sexualleben wie der Erwachsene, das im Zeugungsakt seinen Höhe- und Zielpunkt erreicht. Aber der Sexualtrieb des Erwachsenen ist ein sehr komplizierter, aus vielen Komponenten zusammengesetzter Trieb, der bis zu seiner vollen Entwickelung in der Pubertät eine grosse Evolution durchmachen muss. Die einzelnen Komponenten dieses Triebes lassen sich bis in die ersten Lebensmonate des Säuglings verfolgen. Ihre Quellen sind die mit der Verrichtung der notwendigsten Lebensfunktionen, wie Nahrungsaufnahme und Ausscheidung der Sekrete und Exkremente verbundene Lust- und Unlustempfindungen. Im Laufe der Entwickelung wird die am eigenen Körper durch Reizung der erogenen Zonen, w