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Ein Wiener Psychanalytiker, der, um die Neurose eines Patienten zu behandeln, diesen um die Erzählung von Träumen bat und die Antwort erhielt, dass der Patient keine Träume zu berichten habe, sagte darauf kurz entschlossen: „Nun, wenn Sie keine Träume haben, so erfinden Sie welche!” Und es zeigte sich, dass die aus dem Stegreif „erfundenen” Träume dieselben Bildungsgesetze aufwiesen, wie die natürlichen — ganz wie es der Arzt vermutet hatte. Wenn die Phantasie auch scheinbar dem Zufall ausgesetzt wird: sie gehorcht dennoch den ihr innewohnenden Gesetzen, und, was sie schafft, trägt den Stempel dieser Gesetzlichkeit.
Natur und Kunst gleichen einander im Gestaltungsprozess des organisch Geschlossenen. Nicht nur das absichtsvoll aufgebaute Werk, auch das absichtslos, traumhaft entstandene Kind der Phantasie trägt als ein Mikrokosmos das Bild jener Ähnlichkeit in sich. Das Goethesche „Märchen”, das den Schluss der „Unterhaltungen Deutscher Ausgewanderten” bildet, ist ein solches traumhaft entstandenes Kunstwerk und weist die Eigentümlichkeiten eines solchen auf. Camilla Lucerna, die nicht bloss eine vorzügliche Goethe. Kennerin, sondern offenbar auch — obgleich sie nichts darüber äussert — mit den Grundsätzen der Psychanalyse vertraut ist, liefert die Beweise dafür, literarisch und sachlich. Sie zitiert u. a. eine Stelle aus der Einleitung zu der seltsamen Dichtung, wo es von der Einbildungskraft heisst: „Sie macht keine Pläne, nimmt sich keinen Weg vor, sondern sie wird von ihren eigenen Flügeln getragen und geführt, und indem sie sich hin und her schwingt, bezeichnet sie die wunderlichen Bahnen, die sich in ihrer Richtung stets verändern und wenden.” Die Einbildungskraft wird einer Musik verglichen, die auf uns spielen, uns in uns selbst bewegen soll. „Dass aber auch dieses freieste Spiel der Erfindung von Gesetzen regiert wird und zu völlig in sich geschlossenen Kompositionen führt, zeigt nicht nur die erwähnte Dichtung (das „Märchen”), und Goethe nennt sie nicht nur