You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Aus den Thesen für die Diskussion über die sexuelle Abstinenzfrage (auf der Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten am 9. und 10. Juni 1911 in Dresden) von Dr. med. Magnus Hirschfeld (Berlin) und Dr. med. Iwan Bloch (Charlottenburg) heben wir hier einige hervor:
Die in der sexuellen Abstinenzliteratur oft wiederkehrende, an sich begreifliche Behauptung, die Gefahren der Geschlechtskrankheiten seien grösser als die der Enthaltung, leidet daran, dass zwei heterogene Dinge miteinander ver glichen werden. Der Arzt darf nicht ein Übel durch ein anderes, sondern muss jedes für sich bekämpfen.
Die Abstinenzleiden betreffen hauptsächlich das Nervensystem als eigentliches Organ der Abstinenz. Es handelt sich dabei im wesentlichen um leichte, schwere und schwerste Formen sexueller Neurasthenie und Hysterie. Es ist ein Trugschluss, aus der mehr funktionellen Natur dieser Leiden schliessen zu wollen, dass es harmlose, leicht zu beseitigende Störungen sind.
Wir verfügen über eine grössere Anzahl von Krankengeschichten normalsexueller Personen. Diese Patienten litten hauptsächlich an hochgradiger Beeinträchtigung ihrer Arbeitsfähigkeit, Schlaflosigkeit, Kopfdruck, Angstzuständen, übergrosser Reizbarkeit usw. Medikamentöse, hydriatische, diätetische, psychotherapeutische und sonstige Behandlungsmethoden erwiesen sich als erfolglos. Hingegen wirkte der sexuelle Verkehr wie ein Spezifikum.
Nach eindeutigen Beobachtungen bei ethisch hochstehenden Individuen, die trotz starker Libidio aus moralischen Prinzipien eine jahrelange sexuelle
Abstinenz (ohne Onanie) durchführten, hat solche schliesslich zum Teil chronische Impotenz im Gefolge gehabt. (Iwan Bloch.)
Die Ansicht Max Marcuses, dass Homosexualität durch sexuelle Enthaltung entstehen könne, ist dahin richtig zu stellen, dass es sich dabei nur um pseudohomosexuelle, der Masturbation gleichwertige Akte, nicht um eigentliche Homosexualität handelt, die sich durch Enthaltung ebensowenig entwi