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Rahmer ist ein ärztlich gebildeter Germanist. Mit seinen medizinischen Kenntnissen ragt er unter Seinesgleichen hervor, die ihr einschlägiges Wissen doch nur aus irgend einem Lehrbuch schöpfen, unter den Ärzten hinwieder zeichnet er sich durch starkes literarisches Forschen aus. Seine neueste Spezialität ist die Ehrenrettung ausgesprochen kranker Poeten. Heinrich v. Kleist unternahm er, als vollständig Gesunden zu erweisen, ja geradezu als königlich preussischen Normaldichter zu präsentieren, und auch bei Lenau geht er jetzt ähnliche Wege. Das Verfahren Rahmer's ist von klassischer Einfachheit, wie ich schon in meinem Kleistbuche nachweisen konnte. Zunächst sei festgestellt, dass Rahmer von der just bei solchen Themen so hochwichtigen Frage der Belastung und Entartung gar nichts versteht oder mindestens ein eventuelles Wissen bis zur Unkenntlichkeit zu verbergen weiss. Belastung scheint bei ihm erst zu beginnen, wenn so und soviele Fälle von Geisteskrankheiten in der Familie stattgefunden haben. Von den Stigmen der Belastung, die bei Kleist und Lenau in geradezu überwältigender Fülle vorkommen, sieht er entweder nichts oder will sie nicht sehen. Was sonst dem Psychologen von entscheidender Wichtigkeit, Briefe und einzelne Lebenszüge, auch die bestbeglaubigten, gelten ihm nichts, wenn sie für Belastung seiner Objekte zu sprechen scheinen, hingegen beweist er deren Gesundheit aus den — Dichterwerken, selbst wenn diese soviel Pathologisches enthalten, wie abermals die von Kleist und Lenau. Dann freilich kommen Behauptungen heraus wie etwa die folgenden: „Lenaus Dichtungen verraten Eigenschaften, die zweifellos einer geistig und sittlich hochstehenden Persönlichkeit angehören von ursprünglich gesundem Empfinden, Denken und Wollen. Dahinter steckt kein Gezeichneter, hereditär Belasteter, Minderwertiger, kein Neuropsychopath mit irgendwelchen geistigen und sittlichen Defekten. Dazu rechnet die Ursprünglichkeit, die Wahrheit und Tiefe des Empfindens, der angeborene Natur-