You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
„Zu wenig beachtet wurden bis vor kurzem psychische Eigentümlichkeiten, deren genauere Kenntnis wir vor allem Köhler, Jessen
und Liebe verdanken. Köhler wies auf die Störung des „psychophysischen Gleichgewichts” der Tuberkulösen hin, die sich namentlich in einer auffälligen Labilität der Stimmung äussert. Dazu gesellt sich ein mitunter in abstossender Weise hervortretender Egoismus, eine Neigung zum Querulieren, die es mit der Wahrheit nichts weniger als genau nimmt. Nach Liebe sind allen Anstaltsärzten diese unangenehmen Eigenheiten der Tuberkulösen sattsam bekannt. Psychologisch leicht erklärlich ist das im Verkehr mit den Hausgenossen, vor allem dem Ehegatten, nicht selten hervortretende Misstrauen, das zu heftigen Affektausbrüchen sich steigern, ja zu Gewalttätigkeiten führen kann. An dieser Stelle möchte ich kurz die Frage der Zurechnungsfähigkeit der Phthisiker streifen, die namentlich von italienischen Autoren einer besonderen Beachtung gewürdigt worden ist. So tritt Mircoli warm für die verminderte Zurechnungsfähigkeit des Tuberkulösen ein. Nach Fishberg sind namentlich solche Phthisiker in krimineller Hinsicht bedrohlich, die, an der Genesung verzweifelnd, rücksichtslos ihren Affekten, ihrem Misstrauen, Neid und Ärger den gesunden Nebenmenschen gegenüber freien Lauf lassen. Für die forensische Beurteilung wird also der Grad der Erkrankung, die dadurch bedingte, mehr oder minder starke „toxämische” Schädigung des Gehirns, ausschlaggebend sein. Eine typische tuberkulöse Psychose gibt es nach unseren heutigen Anschauungen nicht, wohl aber können die oben geschilderten Charakterveränderungen sich zu einem paranoiden Bilde mit mehr oder weniger depressiver Färbung gestalten, das von der, wohl toxisch bedingten, zunehmenden Demenz in seiner Entstehung sicher gefördert wird. Ausserdem werden in schweren, sehr fortgeschrittenen Fällen mitunter akute maniakalische Erregungszustände beobachtet, die wohl als Erschöpfungspsychosen, Inanitionsdelirien oder ähnliche Bi