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Bisher hatte die Psychoanalyse keine Würdigung seitens der Fachpsychologen erfahren. Dr. Voigtländer macht den ersten Versuch die Freud'sche Lehre zu studieren (vorläufig rein theoretisch, durch Lektüre der Literatur) und richtig zu würdigen. Er tut es mit Methode, prüft sachlich mit psychologischem Blicke, wie der Forscher vor dem Objekt stehen muss. In den Fragen wo die eigene Erfahrung versagt, drückt er sich folgendermassen aus: „Ausser acht gelassen wird ferner alles medizinische, in welches Gebiet ja die sexuellen Theorien zumeist übergreifen. Ob die Behauptung der sexuellen Ätiologie der Neurosen wahr ist, kann der Nichtmediziner nicht nachprüfen, obwohl aus allgemeinen Gründen nicht einzusehen ist, weshalb sie nicht zutreffen sollte1), — desgleichen kann er sich über die therapeutische Methode der Psychoanalyse kein Urteil erlauben. Es soll lediglich das herangezogen werden, was für die allgemeine Psychologie von Bedeutung und dem phänomenologischen Verstehen des Psychologen zugänglich ist.”
Etwas weiter zeigt Verf. ein intuitives Verständnis für diese Seite der sexuellen Frage: „Die grosse Rolle, die bei Freud das Sexuelle durch Verdrängung als pathogen wirkendes spielt, beruht wohl auf empirischen Befunden, die nur auf Grund umfangreichen Beobachtungsmateriales, das den Psychologen gewöhnlich nicht zur Verfügung steht, nachgeprüft werden könnte. A priori aber ist sie in Anbetracht der heutigen moralischen und gesellschaftlichen Anschauungen und Verhältnisse nicht unwahrscheinlich1). Wir haben hier unter einem jahrtausendelangen Irrtum zu leiden, — unter dem Irrtum, dass die Forderung der Selbstbeherrschung im Sinn von Ansichhalten, nicht das Gleichgewicht verlieren, frei schaltender Herr über seine Triebe zu sein, umgewandelt wird in Feindschaft gegen die Triebe, in sogenannte „Erhebung” über das Sinnliche. Der offene Kampf gegen einen berechtigten Gegner wird aus Schwäche in ein feindlich-missgünstiges Ressentiment verwandelt, man wirft Schmutz auf das wom