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Neuestens reizt es die Psychiater stets mehr, die Dichter und Künstler darauf zu analysieren, ob sie ihre Schöpfungen korrekt nach dem jüngsten Lehrbuch entwerfen. Wie ich vor kurzem in dieser Zeitschrift ein ähnliches Büchlein von Wilhelm Weygandt zu besprechen
hatte, so heute einen Vortrag Robert Gaupps, der es unternimmt, in nicht ganz 12 Druckseiten „das Pathologische in Kunst und Literatur” zu beleuchten. Was ich seinerzeit an dem Würzburger zu bemängeln hatte, gilt heute in verschärftem Masse von dem Tübinger Irrenarzt, zumal da dieser in seinem vor Frauen gehaltenen Vortrag sich noch grösserer Oberflächlichkeit befliss. Auch hier begegnen wir abermals der durchaus falschen Voraussetzung, dass „sich in der ausgesprochenen Seelenstörung das geistige Leben des Kranken nach anderen Gesetzen vollzieht als beim geistig gesunden Menschen” und „dass das Denken und Tun der eigenen Geisteskranken uns nie völlig begreiflich sein wird, weil es aus Seelenzuständen stammt, die von dem Leben unserer eigenen Seele prinzipiell verschieden sind”. Diese z. B. von Jung schon längst widerlegte Anschauung, die freilich noch immer die offizielle „klinische” ist, wird nun an Beispielen vom Altertum bis in die jüngsten Tage kurz ausgeführt, bisweilen eine lobende, häufiger tadelnde Noten ausgeteilt und zum Schlusse auch noch geschwind die Literatur mit abgehandelt, und das alles auf insgesamt 10 Druckseiten. Neben manchem mehr oder weniger zutreffenden Urteil finden sich auch hervorragend schiefe wie über Ophelia: „Das jungfräuliche Mädchen, das sich in zaghafter Scheu dem geliebten Manne versagt, wird in der geistigen Krankheit lasziv, erotisch, obszön. Der Dichter will damit vor Augen führen, wie eine reine Seele durch schweres Schicksal vernichtet wird, so dass sie wie zum Fluche in der Krankheit das Gegenteil von dem sagt und fühlt, was sie in gesunden Tagen gefühlt und gesagt hat.” So wenig weiss Gaupp von dem Unbewussten in der Frauenseele. Wenn dieser Autor mit den Worten sc