You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Die Bemühungen, zu einer allseits befriedigenden Definition der Hysterie zu gelangen, haben bis heute zu keinem Resultate geführt. Ist es uns doch schon schwer, eine Definition der Neurose zu geben, obwohl wir alle wissen, was wir unter einer Neurose verstehen. Erst die Einführung der „Verdrängung” und die Berücksichtigung des „Unbewussten” durch Freud hat uns diesem Ziele ein Stück näher gebracht. Wir wissen seit den ersten Analysen Freud's, dass die Handlungen und Vorstellungen der Neurotiker aus dem Bewusstsein allein nicht zu erklären sind. Hier könnte eine Definition einsetzen. Sie müsste etwa lauten: Neurose ist der Zustand, in dem die Grenzen zwischen Realität und Phantasie infolge unbewusster und bewusster Motive zeitweilig verschwimmen. Bei der Psychose hat die Phantasie, die wir als die Realität des Unbewussten bezeichnen können, die ganze Realität oder ein bestimmtes Gebiet derselben vollkommen verdrängt. Das Unbewusste kennt nämlich keine Phantasien; es kennt nur Realitäten. Wenn also dieses Werturteil des Unbewussten dauernd und unkorrigierbar vom Bewusstsein akzeptiert wird, dann sprechen wir von einer Psychose. Wenn aber die Grenzen schwankend sind und immer wieder korrigiert werden, dann können wir von einer Neurose sprechen. Bei der Neurose gibt es also ein Grenzgebiet, das zwichen Schein und Wahrheit liegt. Dies Grenzgebiet wird bald als Eigentum des Bewussten angesprochen, bald dem Unbewussten völlig oder teilweise überlassen.
In seinem Verhältnis zur Realität verrät sich der Neurotiker. Er ist eigentlich nicht imstande, sich mit der Realität abzufinden. Er hat das immerwährende Prinzip, die Realität zu verwerfen (zu „annullieren”) und durch die Phantasie zu ersetzen. Die Nichtanerkennung der Realität nimmt manchmal die wunderlichsten Formen an. Sie erinnert uns an die Könige im Exil, beispielsweise die Orleans, die die Republik nicht anerkennen, sich den Titel eines Königes beilegen, einen Thronfolger ernennen, ihren treuen Untertanen Briefe schre