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Eine sonderbare Rationalisation einer inzestuösen Eifersucht. In einer vielgelesenen Tageszeitung fand sich kürzlich folgende Notiz:
Die Tragödie der Vererbung. Aus Paris wird gemeldet: Am 22. Mai war in Angers die begabte Malerin Amélie Lhermite von ihrem Bruder ermordet worden. Der Mord, der anfangs geheimnisvoll und unbegreiflich sehien, erhielt eine erschütternde Aufklärung durch die gestrige Schlussverhandlung gegen den Mörder vor den Geschworenen von Angers. Eugen Lhermite gab an, er habe seine einzige Schwester heiss geliebt. Er habe nur dafür leben wollen, ihre Zukunft und ihr Lebensglück zu sichern. Nun wären aber ihre Grossmutter, ihr Vater und ihre Mutter im Wahnsinn gestorben, über ihnen beiden schwebte gleichfalls der drohende Schatten der Geisteskrankheit, und als die Schwester ihm eines Tages ihren Entschluss mitteilte, sich zu verheiraten, habe er sie beschworen, diese Absicht aufzugeben, um nicht neue Wahnsinnskandidaten in die Welt zu setzen. Die Schwester wollte auf diesen Rat nicht hören. Den Vorschlag, gemeinsam in den Tod zu gehen, wies sie entsetzt zurück. Da sei ihm, wenn er dem düsteren Verhängnis ihrer Familie ein Ende machen wollte, nichts übrig geblieben, als die Schwester zu töten. Auch für ihn wäre ein Todesurteil das beste. Die Geschworenen fanden ihn schnldig, unterzeichneten jedoch nach ihrem Wahrspruch ein Gnadengesuch. Der Gerichtshof verurteilte Lhermite zu lebenslänglichem Zuchthaus.
Wer Freud's Lehren verstehen gelernt hat, wird sich mit der Deutung, die der Mörder vor den Richtern seiner Tat gibt, und die offenbar auch geglaubt wurde, kaum zufrieden geben. Um die Vererbung des Wahnsinns zu verhüten, kennt man in Frankreich wohl weniger tragische Mittel als Selbstmord oder Mord. Wir halten uns wohl mit Recht an die Äusserung, Lhermite habe seine Schwester heiss geliebt, nur für ihr Glück habe er leben wollen. Da sie einem andern angehören will, handelt der mit seiner Libido an die Schwester fixierte wie mancher andere pathologisch