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„Geh’ mir aus der Sonne!” sagte Diogenes zu Alexander von Mazedonien. Der grosse Cyniker wollte stolz sein. Vielleicht hat er dem Kaiser gesagt: Und wenn ich auch nicht Diogenes wäre, möchte ich dennoch nicht Alexander sein. Davon schweigt die Legende.
Aber von jeher strebten die grossen Philosophen danach, das Recht zu haben, so zu grossen Kaisern sprechen zu dürfen. Und in diesem Sinne ist es auch ein grosser Irrtum, von der Entwicklung der philosophischen Ideen zu reden, von der Geschichte der Philosophie als einem Prozess. 2000 Jahre nach Diogenes ist der Streit der Philosophie mit Alexander noch nicht zu Ende. Wahrscheinlich wäre auch Spinoza allen Mächtigen der Welt mit den Worten des Diogenes entgegengetreten. Und überhaupt würde sich wohl kaum ein Philosoph finden, der, wenn auch gar kein Recht, nicht doch wenigstens den Wunsch hätte, so zum Kaiser zu reden.
Andrerseits — so reden ist schliesslich nicht schwer, wer aber weiss, ob nicht auf dem Grunde seiner Seele der hässliche Cyniker den, der in jugendlicher Schönheit strahlend vor ihm stand, beneidete. Lassen wir es für einen Augenblick zu, dass Diogenes neidisch zu Alexander aufsah. Diese Möglichkeit ist ja nicht von vornherein abzuweisen. Unzweifelhaft aber ist, dass kein Zwang dieser Welt Diogenes bewogen haben würde, seinen Neid einzugestehen. Auch unter den qualvollsten Foltern würde Diogenes fortfahren zu behaupten, dass er nicht Alexander sein möchte. Und Diogenes musste sein Geheimnis mit ins Grab nehmen. Sehr wahrscheinlich ist, dass auch sein Widersacher Alexander ein ähnliches Geheimnis gehabt hat. Auch er mag viel Wichtiges und Wissenswertes mit hinübergenommen haben, uns nur das zurücklassend, was für alle fassbar ist, und was die Historiker, diese leideten Notare der Zeit, auf die Blätter ihrer Chroniken verzeichnen können.
Alexander war also vielleicht ein lebendiger Vorwurf dem Diogenes, Diogenes dem Alexander: sie beneideten einander. Aber beide wussten — man gab ihnen darin immer recht —, da