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Kriemhilds Traum. Schon lange wunderten sich die Germanisten über den Bruch im Charakter der Kriemhilde im „Niebelungenlied”. Im ersten Teil erscheint sie als holdes, sanftes Mädchen, im zweiten wächst sie zu der dämonischen, grausamen und rachsüchtigen Gestalt empor, die man mit Medea vergleichen könnte. Vielleicht ist die psychoanalytische Betrachtungsweise hier geeignet, Widersprüche für den oberflächlichen Blick zu klären.
Im Anfange des Gedichtes wird von der schönen Jungfrau ein Traum berichtet:
„wie sie zuge einen valken, starc, scoen und wilde, den ihr zwěn’ aren erkrummen, daz sie daz muoste sehen: ir enkunde in dirre werlde leider nimmer gescehen.”
Zwei Geier zerfleischen also den Falken, den sie aufgezogen hat. Sie sagt den Traum ihrer Mutter Ute, die ihn folgendermassen deutet:
„der valke, den du züchest, das ist ein edel man, in welle got behüeten, du muost in sciere vloren han.”
Natürlich ist das ein prophetischer Traum: Siegfried wird von Hagen und Gunther ermordet.
Es ist immerhin interessant, der Psychogenese des Bildes nachzugehen. Der Vogel als Penissymbol wird hier von der kundigen Ute bestätigt. Es steht also im Mittelpunkt ein Mann. Wie erklärt sich nun die grausame Szene? Kriemhild wächst vollständig abgeschlossen auf; es wird später berichtet, dass sie Siegfried als den ersten Mann gegrüsst habe. Es ist wahrscheinlich, dass sich in der reifen Jungfrau die Libido regt und verdrängt wird. Sie wird (wie es ja jetzt noch vorkommt) hinter der Abneigung gegen männlichen Verkehr verborgen. Der ungestillte Trieb schlägt in sadistische Tendenzen um. Die stärkste Bestätigung für diese Vermutung bietet die Antwort, die Kriemhilde der traumdeutenden Mutter gibt:
„Was saget ihr mir von manne, vil liebin muoter min?
ane recken minne sô wil ich immer sin,
sus scoene ich wil beliben unz an minen tot