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Vor mehreren Jahren hat Freud in einem kleinen Aufsatz1) die Beziehungen zwischen Zwangsneurose und Religionsübung behandelt. Die tägliche Beobachtung lehrt uns, dass sehr viele Neurotiker — und nicht nur Zwangsneurotiker — privatim einen Kultus betreiben, dessen Formen durchaus an die religiösen Riten und Zeremonien erinnern. Ein Teil dieser Gepflogenheiten wiederholt sich im Leben des Neurotikers täglich mit der gleichen Regelmässigkeit, mit welcher sich etwa die Gebetsübungen einer Religionsgemeinschaft an jedem Morgen und Abend unter Einhaltung bestimmter Formen abspielen.
Obgleich der Spielraum für eine individuelle Gestaltung derartiger privater Kulte sehr weit ist, so treffen wir bei Personen, die aus gänzlich verschiedenen Kreisen stammen und in ihren Lebensverhältnissen, ihren Schicksalen, ihren geistigen Anlagen, ihren Anschauungen bedeutend differieren, dennoch oft übereinstimmende oder doch sehr ähnliche neurotische Zeremonien. Das gilt insbesondere für die einfachsten Formen. So ist z. B. der Zwang, beim Gehen auf der Strasse die Trottoirplatten in einer bestimmten Weise zu betreten, überaus verbreitet; ich gehe auf die Bedeutung dieses Zwanges nicht ein, weil von anderer Seite eine Untersuchung darüber geplant ist. Ähnlich häufig ist der Zwang, beim Gehen oder beim Treppensteigen die Schritte zu zählen und das Ziel mit einer Schrittzahl zu erreichen, die durch zwei teilbar sein muss. Hier handelt es sich um eine Massregel der ausgleichenden Gerechtigkeit, um die Überkompensierung gewisser unerlaubter Triebregungen, auf die hier jedoch ebenfalls nur hingedeutet werden soll.
Weit auffälliger ist es, wenn wir bei einer neurotischen Frau ein recht kompliziertes Zeremoniell antreffen, und bald danach fast das nämliche bei einer zweiten, anders gearteten und sicherlich mit der ersten nicht bekannten Patientin wiederfinden. Über ein derartiges, bisher nicht beschriebenes Zeremoniell will ich hier berichten, indem ich aus der Psychoanalyse des ersten Falles das