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Ihnen allen, m. H., dürfte die Psychoanalyse als eine neuartige Methode der Heilung gewisser Nervenkrankheiten bekannt sein, die von einem Wiener Arzte, Prof. Dr. S. Freud entdeckt wurde. Zwischen einer Neurosen-Therapie und der Soziologie scheint kaum irgend eine Verwandtschaft oder gegenseitige Einwirkung denkbar. Die Entwicklung, welche die Psychoanalyse genommen hat, liess sie an Anwendbarkeit auf die verschiedensten Wissensgebiete soviel gewinnen, dass ich trotzdem hoffen darf, Ihnen beweisen zu können, dass einigen Problemen der Soziologie, und keineswegs den unwichtigsten durch die psychoanalytische Anschauungsweise neue Seiten abgewonnen werden können. Die Grundtatsachen und Hauptsätze der Psychoanalyse selbst kann ich im Rahmen eines Vortrages nur kurz resümieren und verweise sie bezüglich der Beweise auf die reichhaltige Literatur, insbesondere auf die Werke Freud's, und die eigene Beobachtung.
Die Psychoanalyse nahm ihren Anfang damit, dass Freud bei Patienten die wegen Hysterie, Zwangsneurose und ähnlicher Leiden, die wir unter dem Namen Psycho-Neurosen zusammenfassen, in seine Behandlung kamen, konstatieren konnte, dass ein bestimmter seelischer Vorgang sich abgewickelt hatte, von dem die Patienten zur Zeit des Eintrittes in die Behandlung nichts mehr wussten. Das wesentliche dieses Vorganges bestand darin, dass diese Personen sich von Gedanken, Wünschen, Phantasien und realen Erinnerungen, welche ihnen unliebsam und peinlich, ja unerträglich und mit ihrer sittlichen Persönlichkeit unvereinbar schienen, dadurch befreiten, dass sie diese störenden „Komplexe” aus ihrem Bewusstsein hinausschafften, sie verdrängten. Damit waren aber jene Störenfriede noch keineswegs endgültig erledigt, denn die Folge ihrer Entfernung war eben die Erkrankung. Diese erwies sich einerseits durch den engen assoziativen Zusammenhang ihrer Symptome mit den verdrängten Komplexen, andrerseits durch ihr Verschwinden, sobald diese wieder in das Bewusstsein eingeführt worden waren, als