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„Die Wurzeln der Phantasie”. Vortrag, gehalten in der Wiener philosophischen Gesellschaft von Dr. Schrötter (Wien) am 24. Februar 1912.
Man unterscheidet eine aktive und eine passive psychische Funktionsweise. Das aktive Seelenleben zeichnet sich durch zwei polare Eigenschaften aus: Die Automatisierung und Erstarrung der Vorstellungen einerseits und die Assimilationsfähigkeit der Erinnerungen an neue Wahrnehmungserlebnisse anderseits. Wir erinnern
nicht, sondern wir reagieren mit Erinnerungen. Die aktive Funktion ist die Funktion des Denkens, der intellektuellen Arbeit, ihre Voraussetzung ist Wachheit und Frische des Geistes. — Die Annahme einer bewussten oder unbewussten Zielvorstellung wird abgelehnt. Der Wechsel der Vorstellungen innerhalb einer psychischen Reihe wird mit Hilfe des Begriffes der „biopsychischen Reihe” erklärt. Ebenso wie Lebensvorgänge der Pflanze, trotz ihrer Zweckmässigkeit, ohne Ziel- oder Zweckbewusstsein verstanden werden können, so müssen wir auch zur Determinierung menschlich-psychischer Prozesse auf die Zuhilfenahme bewusster oder unbewusster Inhalte verzichten und die beim Willen subsumierte Zielvorstellung der Psychologen durch biologische Determinismen ersetzen.
Das passive Seelenleben, die Phantasietätigkeit, verdankt ihr Dasein einem „Systemfehler”. Die unbearbeiteten rohen Vorstellungen, die sich untereinander assimilieren, sind das Material der Phantasie; die Erinnerungsbilder zeigen im Gegensatze zu den „erstarrten Erinnerungsbildern” im Materiale des aktiven Seelenlebens grosse Labilität, so dass leicht fehlende Glieder durch andere ersetzt werden können. Die Wurzel dieser unzulänglichen Arbeitsweise ist die Ermüdung oder Ablenkung. Tatkräftige Menschen haben ein Minimum von Phantasietätigkeit und umgekehrt. Die Janet'sche Definition der Psychasthenie wird in dem Zusammenhange erwähnt.
Die passive Arbeitsweise ist ausgezeichnet durch Anschaulichkeit und bildliche Schärfe, vornehmlich bei gut entwickelten Sinnen. Das Bild tritt an