You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Genie, Talent und Psychoanalyse. Von Dr. M. Eitingon. Der bekannte Privatdozent der Psychologie in Hannover, Dr. Theodor Lessing hat vor kurzem in einem Artikel: „Monomania erotica Freudiana” („Die Gegenwart”, 1911, Nr. 46) zur Psychoanalyse Stellung genommen. Trotz des so wenig wohlwollenden Titels gelangt der Autor zu dem für uns recht tröstlichen Schluss, dass die Psychoanalyse als psychotherapeutisches Instrument „anwendbar und erfolgreich” sein könne. Im Unterschied von fast allen anderen Kritikern der Psychoanalyse hat er den pragmatischen Charakter ihres Denkverfahrens richtig erfasst und hält ihn für zulässig, „es läge nicht der mindeste Anlass vor, dieses zentrierende Prinzip (der Sexualität resp. Libido) durch irgend ein anderes, nicht minder allgemeines zu verdrängen”, wenn —, ja, wenn die Psychoanalyse sich nicht am Genie vergreifen würde. Die psychoanalytische Pathographik ist es, die diesem Kritiker Pein macht. Er durchschaut den Kern dieses Tuns und findet darin wühlendes Ressentiment, „die Verschwörung des Talentes” — dieses Kompliment gilt neben manchem anderen dem Schöpfer der Psychoanalyse besonders, nach dessen Seite hin eine Verbeugung zu machen in dem immer lauter werdenden Sturm gegen die Lehre bezeichnenderweise keiner der Angreifenden unterlässt, — „gegen das Genie”. Eine Verschwörung! Man hat also überhört, mit welch hohem Ernst und grosser Ehrfurcht in diesen so heftig inkriminierten Arbeiten dem Genie zu nahen versucht worden ist. Alle Hinweise darauf dürften wenig nützen. „Der Jude wird doch verbrannt”.
Es sei mir erlaubt, diese „Entlarvung” der Psychoanalytiker als Vorwand zur Mitteilung eines Aphorismus von Leo Schestow1) zu benutzen, dem geistvollen und tiefgründigen russischen Philosophen und Analytiker2), der representative Mann der Philosophie und Literatur, welcher Aphorismus mir ein sehr passendes Motto für die psychoanalytische Erforschung des Genies zu sein scheint:
„Die grossen Schriftsteller, überhaupt die anerkannten Grossen d