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Eine Studentin der Theologie erzählte mir, ihre Schwester sei zu ihr zu Besuch gekommen; sie habe sich aber immer befangen gefühlt, wenn sie sie mit Kollegen bekannt gemacht habe, denn sie hätte mit ihnen, die nur zu fachsimpeln verstanden, nicht reden können. Zum erstenmal sei sie nicht eingeschüchtert worden, sei etwas aus sich herausgegangen, als sie heute mit ihr eine Doktorin der Physik besucht habe, die sehr nett über allgemeine Fragen geplaudert hätte. Die Kollegin wollte den Namen der Physikerin nennen, hatte ihn aber zu ihrem grossen Erstaunen total vergessen und musste ihn erst auf einer Visitenkarte wieder nachlesen. Die Theologin hatte vorher mit mir üher Freud gesprochen, von dessen Theorien sie einiges, ihr unglaublich dünkendes gehört und gelesen hatte. Ich schlug ihr vor, das Vergessen dieses Namens mit ihr zu analysieren, um zu sehen, wieweit ihre Aufrichtigkeit gegen sich selber gehe und um ihr die Richtigkeit der Freud'schen Ansicht über das Vergessen zu beweisen.
Als ich sie zunächst nochmals die Umstände des Besuches bei der Physikerin genau erzählen liess, sagte sie, die Dame sei in Schwarz gewesen, denn ihr Vater sei kürzlich gestorben. Mit dieser Bemerkung war für mich der Fall aufgeklärt. Die Schwester der Theologin lebt in einer kleinen Stadt bei ihren Eltern. Die Mutter ist geisteskrank (wahrscheinlich manisch-depressiv), lebt aber im Hause, weil der Vater sie durchaus nicht in eine Anstalt geben will. Die Schwester ist gezwungen, der Pflege der Mutter zu leben, hat keinerlei geistige Anregung und kann nichts lernen. Dem Vater verbirgt sie, dass sie unter dem Zustand leidet; nur wenn die Studentin in die Ferien kommt, macht sich ihre Entbehrung Luft in einer Explosion von Schmerz. Die Theologin selbst empfindet den Zustand der Schwester um so schmerzlicher, als sie sich sagt, dass sie die Bevorzugte ist und dass ihre Schwester studieren könnte, wenn sie es nicht täte. Der Tod des Vaters würde die Schwester frei machen, denn die Mutter könnt