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Giessen 9.—13. April 1912.
Bericht von Dr. Lilienstein, Bad Nauheim.
Wenn man aus der Ankündigung des Kongresses und der Liste der Vortragenden, die sich aus Ärzten, Juristen, Genealogen etc. zusammensetzte, hätte schliessen wollen, so hätte mancher vielleicht nicht erwartet, dass hier auf rein
biologisch-naturwissenschaftlicher Grundlage, die so viele geisteswissen schaftlichen Gebiete berührenden Fragen der Vererbung erörtert werden würden. Allerdings bot die Führung Sommers, der als Organisator dieser Kongresse angesehen werden muss, schon die Garantie, dass die naturwissenschaftliche Forschungsmethode in jeder Hinsicht zur Geltung kommen musste.
Mit einem Überblick über die Geschichte und den Zweck des Kongresses eröffnete Sommer die Verhandlungen, die folgende Teilgebiete umfassten:
1. Methodik und Vererbungsregeln. 2. Normale und geniale Anlagen. 3. Abnorme Anlagen. 4. Kriminelle Anlagen. 5. Erforschung bestimmter Familien. 6. Vererbungslehre und Soziologie. 7. Vererbung und Züchtung. 8. Regeneration.
Medizinisches Interesse boten zunächst die Vorträge von Dr. F. Hammer (Stuttgart) und Dr. Römer (Illenau). Hammer wies an einzelnen Krankheitsbildern die Bedeutung der Mendel'schen Vererbungslehre für den Menschen nach. So entspricht die Vererbung der Pigmente der Augen, des Haares und der Haut durchaus derjenigen bei den Tieren. Die dunklere Pigmentierung „dominiert” über die hellere, der Albinismus lässt „rezessive Vererbung” erkennen. Dominierend sind ferner Hypodaktylie, bestimmte Formen des Stars, Teleangiektasie, Hypotrichosis, Diabetes insipidus u. a. Dominierend, aber auf ein Geschlecht beschränkt (wie die Hörner bei männlichen Tieren) sind Hämophilie, Farbenblindheit, Pseudohypertrophie der Muskeln. Römer hob die Bedeutung der Methodik für die psychiatrische Forschung hervor. Er behandelte die Forderungen, die von Irrenärzten an statistische Erhebungen gestellt werden müssen. Er betonte die Notwendigkeit des Ausbaus der Medizinal-ahteilung bei den staatlich