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In „Dichtung und Neurose” habe ich das Schaffen als Produkt der Neurose, die im Dienste des Fortschrittes steht, aufgefasst. Friedell geht noch weiter. Der Neurotiker ist nach ihm der Gesunde. Er ist einfach der Mensch der Zukunft, der Mensch mit den feineren Nerven und viel empfindlicherem Seelenapparat. „Nervosität ist nichts anderes als erhöhte Produktivität und Leistungsfähigkeit, feinere Differenzierung eines bestimmten Organsystems unseres Körpers, das wir das nervöse nennen. Nichts hindert uns, hierin ein Symptom gesteigerter Gesundheit und Lebenskraft zu erblicken.” „Früher, ja da waren die „Nerven” eine Krankheit, eine Art Zahnkrankheit der Kultur. Jede Krisis hat eben ihre Psychosen.” In diesem Tone geht es fort. Trotz aller Paradoxe blitzen auch tiefe Wahrheiten aus den Worten Friedell's, der jedenfalls psychologischer denkt als manche Berufspsychologen. Das Buch mündet in eine liebevolle Charakteristik des Wiener Poeten Peter Altenberg, den wir also als den Typus des Zukunftsmenschen bewundern sollen. Friedell's Buch hat mich nicht überzeugt. Gerade sein Poet beweist mir, dass die Neurose niemals das Bild der Gesundheit repräsentieren wird. Ich schätze deshalb Altenberg nicht weniger als Friedell. Aber ich weiss, wieviel Anteil an seinem Schaffen die Krankheit hat. Doch was sind die Namen Krankheit und Gesundheit? Die Grenzen schwanken und jedermann ist an irgend einer Stelle krank und jeder Kranke ist in vielen Punkten gesund.
Die Neurose ist das Produkt des Fortschrittes, aber niemals der Fortschritt selbst. Der Fortschritt wird von den Neurotikern gemacht … aber eigentlich für die Gesunden.
Stekel.