You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
„Lassen Sie mich, sagte Aurelia, auch eine Frage tun? Ich habe Opheliens Rolle wieder durchgesehen und bin zufrieden damit und getraue mir sie unter gewissen Umständen zu spielen; nur sagen Sie mir, dürfte man die Wahnsinnige nicht andere Liedchen singen lassen, es könnten ja auch Fragmente aus Balladen sein, nur nicht solche Zweideutigkeiten und Zoten, wozu das?” — „Beste Freundin, versetzte Wilhelm, ich kann nicht ein Jota nachgeben, auch darin liegt ein grosser Ausdruck.” Wir sehen, womit das gute Kind im Gemüte beschäftigt war. Heimlich klangen die Töne der Lüsternheit in ihrer Seele, und sie wollte wie eine unkluge Wärterin ihre Sinnlichkeit zur Ruhe singen mit Liedchen, die sie nur mehr wach erhalten mussten. Stille lebte sie vor sich hin, und kaum verbarg sie ihre Sehnsucht und ihre Wünsche. Jetzt, da ihr jede Gewalt über sich selbst entrissen ist, da ihr Herz auf der Zunge schwebt, wird diese Zunge ihre Verräterin, und in der Unschuld des Wahnsinns ergötzt sie sich vor König und Königin an dem Nachklange ihrer lieben losen Lieder der Einsamkeit: vom Mädchen, das gewonnen ward, vom Mädchen, das zum Knaben schleicht, und so weiter. (Goethe, Wilhelm Meisters theatralische Sendung, herausgegeben von Harry Mayne, 1911, p. 108, 110, 390.)
Über die von der Psychoanalyse nachgewiesene enge Bindung von Liebe und Hass äussert sich La Rochefoucauld in nachstehender Weise: „Plus on aime une maîtresse, plus on est près de la hair.”
A. v. W.