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Unser Verständnis für die Einzelfragen in der Psychologie der Neurosen ist so sehr an die individuelle Betrachtungsweise geknüpft, dass man behaupten kann: die Arbeitshypothese, obwohl aus Einzelerkenntnissen erwachsen, gibt ein Bild von der Weite der Anschauungen und von den Grenzen der Erkenntnis des Untersuchenden. Und dies so sehr, dass dadurch erklärlich wird, wie es zu verschiedenen Auffassungen, Wertungen, Voraussetzungen kommt, wie die eine Schule diesen, die andere jenen Punkt ihrer Darstellungen hervorhebt oder mindert, wie dem einen die Wichtigkeit eines Beobachtungsmaterials entgeht, wo ein anderer Unwesentlichem besondere Würde verleiht. Wer für eine formulierte Lehre einsteht, ist kaum wankend zu machen1); es wäre denn, dass ihm die inneren Widersprüche bewusst werden. Im allgemeinen benimmt er sich wie ein nervöser. Patient, der eine Änderung seines Lebensplanes solange nicht zulässt, bis er sein unbewusstes Grössenideal erkannt hat und es als unrealisierbar verwirft.
Zum Unterschiede zu manchen anderen Autoren möchte ich den Leser zur Prüfung ermuntern, diese Betrachtung auch auf die folgenden Ausführungen anzuwenden. Die Psychotherapie ist ein künstlerischer Beruf. Die Selbstanalyse — wertvoller ist die Erfassung der eigenen Lebenslinie — etwa dem Selbstporträt vergleichbar, bietet schon deshalb keine Garantie für „voraussetzungsloses” Forschen, weil sie wieder mit den leider beschränkten Mitteln der Persönlichkeit (oder zweier Persönlichkeiten) zustande kommt und weil die individuelle Perspektive nicht zulässt, sich oder andere anders als individuell zu betrachten. Persönliche, d. h. andere als in der Wissenschaft übliche Argumentationen bei der Beurteilung psychotherapeutischer Anschauungen anzuwenden, ist demnach ein Unfug, der nur durch die Jugend unserer Disziplin erklärlich ist, der auch auf die Dauer keinen Anklang finden dürfte.
Durchaus nicht so störend wirken diese Grenzen der Individualität in der psychotherapeutischen Praxis. Scheitert der