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Goethe sagt von Lichtenberg: „Wo er einen Spass macht, liegt ein Problem verborgen”, er war der Liebling Schopenhauer's und Nietzsche zählt ihn zu unseren ersten Sprachmeistern. Grund genug, sich mit ihm zu beschäftigen, wenn er nicht überdies für den Psychoanalytiker in
doppelter Hinsicht interessant wäre: als beobachtendes, analysierendes Subjekt und als Objekt. Es bleibt erstaunlich, wie gross seine Unbefangenheit des Forschers in einer Epoche unfruchtbarer, abstrakter Vermögenspsychologie war. Seine Hypochondrie, sein Aberglaube, „der aus jeder Sache eine Vorbedeutung zieht und in einem Tag hundert Dinge zum Orakel macht”, seine Art des Witzes, sein infantiler Gesichtsausdruck, sein reges Phantasieleben und so mancher andere kleine Zug stimmen — bei spiegelklarer Krankheitseinsicht — gut zu dem Bilde des Neurotikers (er scheint auch an — nervösem? — Asthma gelitten zu haben), der sich nicht genug tun kann in der Verwunderung über seine eigenen zwangsmässigen Schwächen, ohne je imstande zu sein, dagegen anzukämpfen.
Was ihn als Beobachter über einen Zeitraum von mehr als einem Jahrhundert dem Psychoanalytiker die Hand reichen lässt, ist dies: seine Unbekümmertheit um die offizielle Psychologie, seine Wertschätzung des Traumes, sein scharfer Blick für das Tatsächliche, der sich nicht bei einem fingierten Normalzustand der Seele beruhigt, sein Interesse für jede einzelne Handlung, die er in ihrem individuellen Ablauf ihren treibenden Kräften nach kausal zu bestimmen sucht. R. M. Meyer1) führt ein bezeichnendes Beispiel an: „Der Dachdecker stärkt sich vielleicht durch ein Morgengebet zu den grössten Gefahren … vielleicht aber auch durch eine Dosis von verbranntem Katzenhirn. O, wenn man doch manchmal wüsste, was den Leuten Mut gibt!” Der lebendigen Tatsache gegenüber befriedigt ihn also weder die spiritualistische noch die materialistische Hypothese; es sucht die wirkliche Vorgeschichte des Faktums statt aller Deduktion über Herrschaft der Seele oder des Körpers. V