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Ich verfolge mit diesen Zeilen gewisse didaktische Ziele den Herren Kollegen gegenüber, die noch nicht die Möglichkeit gehabt haben, vollständig mit den Grundprinzipien der Adler'schen Neurosenlehre bekannt zu werden.
Der Fall betrifft eine Dame im Alter von ungefähr 45-50 Jahren, Witwe eines hochgestellten Beamten. Das erste was uns auffällt, ist das Äussere, die Art des Sprechens und Benehmens — all das ist scharf ins „Männliche” gerichtet. Gleichzeitig damit das Bemühen jung zu erscheinen, sich nicht altersgemäss zu kleiden und leichtes Kokettieren nach Frauenart. Mit einem Wort, ein ausgeprägter Typus von psychischem Hermaphroditismus. Noch vor Beginn der offiziellen Analyse hatte ich dank privater Gespräche mit ihr Gelegenheit, eine Menge Material zu sammeln, welches ich, leider, nicht im ganzen mitteilen kann, teilweise aus Gründen der Diskretion, teilweise der Unmöglichkeit wegen, in kurzen Worten eine ganze Biographie zu schildern. Deswegen will ich nur die Hauptpunkte aus der Entwicklung ihrer psychischen Konstitution berühren. Vor allem bemerke ich das schon in der Kindheit scharf ausgeprägte Minderwertigkeitsgefühl im Zusammenhang mit dem Bewusstsein ihrer Frauenrolle. Ein organisches Substrat habe ich in diesem Falle fast nicht vorgefunden, mit Ausnahme vielleicht einiger Andeutungen von Enuresis. Aber dafür liess der ganze Familienkreis und die Familientradition die weibliche Minderwertigkeit in grossem Masse hervortreten und bedingte als Kompensation und später Überkompensation die Entstehung des Lebensplanes in der Richtung „des männlichen Protestes” und des fiktiven Endzieles „ein Mann zu sein”. In ihrer Kindheit sehen wir einen neurotischen