You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Ich habe wiederholt betont, dass alle Neurotiker fromm sind und sieh dieser Frömmigkeit schämen. Sie stellen sich auch zu Gott „bipolar” ein. Der Trotz gegen alle Autorität lässt sie eine Kampfesstellung gegen die Trias Vater—Lehrer—Gott einnehmen; aber sie fröhnen alle einem heimlichen Gottesdienste, der ausserordentlich fein versteckt ist und mit allerlei Bussprozeduren durchsetzt erscheint. Dieses religiöse Kompromiss gleicht allen anderen Kompromissen der Neurotiker, die sich bemühen, mehrere differente Gefühlsströmungen zu einer einzigen zu vereinigen und allen widerstrebenden Tendenzen gerecht zu werden. Besonders in der Zwangsneurose kann man diese religiösen Krompomissbildungen in geradezu klassischen Formen beobachten; Unterwerfung und Trotz gegen Gott, zu einem Symptom zusammengeschweisst.….
Es ist auffallend, wie viele Freigeister und Atheisten man unter den Neurotikern findet. Aber dieser Atheismus ist kein echter und hält keiner eingehenden Prüfung stand. Man merkt bei allen Neurotikern eine affektative Einstellung zum religiösen Problem. Viele sind in Freidenkervereinen, sind Monisten, haben Brochüren geschrieben, welche das Dasein Gottes bestreiten. Viele ergehen sich in Schmähungen gegen Gott und die Religion, machen sich über die Priester lustig oder sind fanatische Pfaffenfeinde. Schon die affektative Einstellung macht uns diesen Atheismus verdächtig. Denn ein wirklicher Atheist wird sich nie über Gott lustig machen oder Schmähungen ausstossen. Denn etwas nicht Existierendes kann man doch nicht bekämpfen. Man denke an das treffende Wort von Gottfried Keller: Ein leidenschaftlicher Liebhaber Gottes und ein leidenschaftlicher Leugner zögen im Grunde an demselben Wagen, von dem der eine ebensowenig loskommen könne, als der andere. — Vielleicht liesse sich dieser Satz an keinem anderen Beispiele beweisen, als an dem Pastorensohne Nietzsche, der zeitlebens ein heimlicher Frömmler geblieben ist und dessen „Also sprach Zaratustra” in Erfüllung einer grosse