You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
„Ich flog aus dem Oberbodenfenster meines elterlichen Hauses (unser Haus ist im Schweizerstil gebaut, das betreffende Fenster befindet sich an der Giebelseite) wagrecht heraus, die Arme wie Flügel ausgebreitet, bis über das kleinere grüne Rasenrundteil in unserem Garten. Dort stand mit gezücktem Messer ein Metzgermeister, er schien nur auf mich zu warten, um mich abzuschlachten. Ich empfand rasende Angst, weil ich meine Flugkraft nachlassen fühlte — immer senkte ich mich trotz meines Bemühens hoch zu bleiben, herab auf das hochgehobene, mir drohende Messer. Dann hob ich mich wieder empor, atmete wie befreit auf, um gleich darauf unter unsäglicher Angst wieder zu sinken — auf nieder — auf nieder — es war schrecklich.”
Dieser Traum zeigt uns, wie früh sich schon die Konflikte der kindlichen Seele äussern. Kennt man aber die Lebens- und Leidensgeschichte der Kranken so merkt man, dass der Kampf zwischen einer nach dem Himmel strebenden Keuschheit und einer sehr starken Sexualität schon im fünften Lebensjahre eingesetzt hat. Der Traum ist nämlich leicht verständlich und eine Illustration ihrer Kämpfe, die sie neurotisch gemacht haben. Eine ungeheuere Anstrengung ihres Willens treibt sie in die Höhe. Sie hat ein geheimes Ideal: die Madonna. Unten aber steht der Metzger als Symbol des tierischen Mannes, als Symbol der Fleischlichkeit und des Bösen. Fällt sie ihm zum Opfer, so wird sie Dirne.