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In des Kindes Seele leuchten kristallene Testamente der Menschheit. Ein Kind ist darum wie eine Miniaturausgabe einer vollendeten Legende von allem Gewesenen und Gewordenen. Sein eines Händchen hält die Vergangenheit, das andere langt nach der Zukunft.
Aufhören, kindlich zu sein, heisst: aus dem Paradies vertrieben werden. Nur ist das Flammenschwert des Erzengels zum — Federhalter geworden. Wer hat ohne heisse Schmerzen sein Kind nach dem ersten Schultage über die Fibel gebückt gesehen: diesem kleinen vom Spiel vertriebenen Engel mit verwirrtem Blick und der langsam steigenden Flut der Tränen im Auge?
Kindlich zu sein, bedeutet: alle Werte umwerten können. Dem Kinde nur kann ein Stuhl zur Pferdebahn, ein alter Hut zur Krone werden. Es sind seine kleinen Phantasieflammen, die das kalte Leben so warm machen.
Wir können vielleicht vom Kinde ebensoviel lernen, wie ein kleiner Schelm von uns. In mehr als einem Sinne wird niemand wieder so klug, wie er als Kind war. Das Kind hat vor allem den Mut des Egoismus ohne Schuld, das ist: des Glückes ohne Reue.
Wem die Kindersehnsucht das erwachte Bewusstsein überflutet, wie die See den Damm: der wird ein Genie. Genie sein heisst: Sehnsuchten der Kindheit wahr machen.
Wie verblüffend tiefsinnig kann ein Kindermund plaudern! Als ich meinem Nichtchen vor Jahren den Tod ihrer Grossmutter mit stillen Worten begreiflich zu machen suchte, sagte diese kleine Prophetin einer ganz neuen Weltanschauung: „Weiss schon, Grossmama ist einfach zurückgeboren!” So geschehen am 5. März 1905,
Eltern sollten die frappierenden Fragen und die geplapperten Drolligkeiten ihrer Kinder sorgsam aufzeichnen und sie erst den Zwanzigjährigen überreichen. Man könnte daran mehr profitieren, als aus allen Philosophien zusammengenommen.
Prof. Dr. Carl Ludwig Schleich.