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Ein literarisches Kunstwerk kann von der vergleichenden Individualpsychologie, die sich der Psychoanalyse als eines methodischen Hilfsmittels bedient, in doppelter Weise ausgewertet werden:
— Und von dem soll hier abgesehen werden — kann es uns mancherlei wichtige Aufschlüsse über die psychische Struktur des Autors geben und
kann sich der Psychologe bemühen, aus den gegebenen charakterologischen Merkmalen und Handlungen der Akteure ihre Persönlichkeitsbilder zu klären, Widersprüche aufzulösen, kurz: ihre fiktiven Leitlinien, in die alles münden muss, aus den einzelnen Etappen darzustellen.
Bevor man aber daran geht, drängt sich eine andere, sehr heikle Frage auf, die ich hier nur flüchtig berühren kann: Sind die Menschen in einem Drama oder Roman so für die Wissenschaft nutzbar zu machen, gleichsam als ob sie lebten oder gelebt hätten? Ich glaube, mit leiser Anlehnung an Schelling und Bergson, dass es hier besonders darauf ankommt, ob wir die Möglichkeit haben, aus den vom Dichter beigebrachten Einzelzügen seine Gestalten intuitiv, von innen heraus als ganze, lebende zu erfassen. Sind die Personen hinreichend plastisch, und das sind sie in jedem wirklichen, nicht etwa allein im naturalistischen Kunstwerk, dann dürfen wir wohl auch an ihnen wissenschaftliche Untersuchungen vornehmen und für deren Resultate einen nicht nur hypothetischen Wert beanspruchen. Nebenbei bemerke ich, dass gerade nervöse Menschen sehr leicht dazu neigen, den Lebensgehalt von Romanfiguren ganz besonders intensiv zu empfinden. Es ist dies deutlich daraus zu ersehen, dass sie sich auf Grund oft wenig belangvoller, durch spürsinnige Abstraktion entdeckter Gemeinsamkeiten, aus ihnen Leitbilder formen, ja völlige Identifikationen vornehmen. Der eine tut, als ob er Raskolnikow wäre, der andere meint, Niels Lhyne und der dritte Dorian Gray zu sein. Natürlich geschieht dies nur im Interesse des Persönlichkeitsideals des betreffenden Lesers, denn dieser Held, mag er auch ein sehr trauriger und kläglicher