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Je länger ich mich mit Kindern beschäftigte, um so stärker erhielt ich den Eindruck, daß das Gewissen nicht als eine von frühester Jugend an und zum vornherein gegebene, fertige und unfehlbar maßstäbliche Instanz oder Gewalt in den jungen Menschen gelegt sei. In breiten Kreisen, auch unter Gebildeten, besteht der Glaube oder wird behauptet, das Gewissen bedeute gleichsam die Nabelschnur, mit der wir mit dem „Seinsollenden-Übersinnlichen” oder mit Gott schlechthin zusammenhängen, oder es sei dessen Sprachrohr, mit dem er uns mitteilt, was gut und schlecht, recht und unrecht, edel oder verwerflich ist.
So angenehm das Bewußtsein eines solchen festen Haltes wäre, stimmt diese Theorie des Gewissens nicht.
Besonders deutlich wurde mir die Tatsache, daß die genannte Ansicht unrichtig sein müsse, klar, als ich einst von der mittleren an die obere Volksschulstufe versetzt wurde. Ich hatte vorher mit den 10- bis 13 jährigen Schülern alljährlich schriftlich und mündlich über erlittene Strafen berichten lassen und war nun begierig, zu erfahren, wie sich die 14- bis 16 jährigen über das gleiche Thema äußerten.
Die Schüler der Mittelstufe hatten sich durchweg bitter oder dann resigniert und mehr oder weniger pervers über alle Strafen ausgesprochen, insbesondere über die so üblichen Körperstrafen in Haus und Schule. Sie weckten geheimen oder offenen Widerstand, Zorn, Haß, Wut, Rachegelüste, entfesselten einen Sadismus, der sich durchaus nicht immer gegen den Strafenden oder dessen Ersatzpersonen selbst richtete, sondern im Sinne einer Affektverschiebung an Tieren oder gar an leblosen Gegenständen entlud (Tierquälerei und Zerstörungssucht). Oder aber wenn das Kind unter den strengen und strafenden Maßnahmen seiner Erzieher „gebrochen wurde, so entstanden Heimlichtuerei, Scheinheiligkeit, Musterkindernaturen, Schleicher, Kriecher — andere litten an krankhafter Furcht vor dem Leben, Phobien wurden genährt und konnten nicht auf natürliche Weise überwunden werden. Man sah Leutchen, die