You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Wenn ein Kind Schwierigkeiten beim Laufenlernen oder beim Sprechenlernen hat, so erscheint jedem als das Nächstliegende, nach den Ursachen der Störung zu fragen. Daß es sich dabei um Störungen elementarster Funktionen handeln muß, ist uns in eben dem Maße selbstverständlich, in dem es uns selbstverständlich ist, daß jeder Mensch läuft und spricht. Und in eben dem Maße ist es uns selbstverständlich, daß wir alles unternehmen, um diese Störungen zu beheben.
Kann dagegen ein Mensch etwa nicht zeichnen, singen, tanzen, modellieren, kann er nicht „fremde” Sprachen oder Mathematik „lernen”, so erklären wir kurzerhand, er sei dafür „unbegabt”. Wir begnügen uns mit der Feststellung, daß er diese Dinge nicht „kann”.
Gar zu leicht ist man bisher bereit gewesen, für die Möglichkeit einer großen Zahl von Leistungen ganz besondere „Anlagen” als notwendig vorauszusetzen. Auf Grund unkontrolliert übernommener Vorurteile werden Fähigkeiten, die in Wahrheit überall latent sind, bei der üblichen Begabtenwertung mit dem Anspruch des „selbstverständlich” als seltene Naturanlage mißverstanden, — werden durch vorübergehende und behebbare Störungen geminderte Leistungen auf „angeborene Unbegabtheit” zurückgeführt. Daß unbewußte Motive die Möglichkeit und den Verlauf einer Leistung stören können, daß solche Motive bewußt und damit unwirksam gemacht werden können, ist eine nicht mehr zu leugnende Tatsache. Die Bedeutung dieser Zusammenhänge, von denen wir bewußte Kenntnis erst durch Freud bekommen haben, ist bisher bei psychologischen Untersuchungen über die Begabung und bei der Auswertung von Begabungsund Eignungprüfungen fast ganz übersehen worden. Dabei führt das Verständnis dieser Beziehungen in besonders drastischer Weise zur Korrektur der bei traditioneller Betrachtungsweise erhaltenen Auskünfte.
Würde das Prädikat „unbegabt” nur eine Einordnung in eine Leistungsskala — nur eine Wertung der momentanen praktischen Verwendbarkeit bedeuten,