You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Vor kurzem wurde ich von einer bekannten Dame um Rat gefragt, welche Maßnahmen sie bei der Erziehung ihres jetzt 2½ Jahre alten Töchterchens ergreifen solle, das Kind sei seit einiger Zeit trotzig und eigensinnig, schreie maßlos bei geringfügigen Anlässen, setze sich z. B. mitten auf der Straße nieder und sei weder durch Zureden noch mit Strenge nach Hause zu bringen. Ich schicke voraus, daß die Mutter, die analytischen Kreisen nahesteht, über die Psychoanalyse vollkommen orientiert ist, den gefundenen Tatsachen viel Verständnis entgegenbringt und seit der Geburt des Kindes bestrebt ist, die Konsequenzen aus ihrem Wissen zu ziehen, was ihr freilich nicht immer gelingen will.
Ich wähle dieses Beispiel zur Einführung unter vielen anderen, weil sich in der Erziehung dieses Kindes die bestmöglichen Bedingungen für eine günstige Entwicklung zusammengefunden haben. Daß das Kind eines Säufers und einer unglücklichen Frau aus Gründen des Milieus zu schwerem seelischen Schaden kommen muß, ist klar und in der neueren pädagogischen Literatur oft behandelt worden. Wichtig ist, daß unter den denkbar besten Umständen Erziehungsprobleme auftauchen, die sich aus der unbewußten Einstellung des Erziehenden zum Kinde ergeben und aus diesem Grunde schwer zugänglich sind: Das Wissen läßt sich nicht ohne weiteres in Handeln umsetzen. Man wird daher begreifen, daß hier gar nicht erst versucht werden kann, das Problem der Erziehung vom Standpunkt des „Was soll man tun?” anzugehen, — das wäre, da ich nicht Erzieher, sondern Seelenarzt bin, von vornherein verfehlt, — es ist angezeigt, sich auf die Untersuchung der psychologischen Voraussetzungen der Erziehung und auf die Analyse der Erziehungsmängel zu beschränken, ehe man an die Frage des „Soll” herantritt. Denn der oberste Grundsatz der Psychoanalyse ist, daß man erst gründlich verstehen müsse, ehe man handelt.
Mit meinen anspruchslosen Beiträgen zur Psychologie des Erziehers folge ich den Spuren des Pä