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Daß Musik in erster Linie ein primitives, und zwar ein ganz allgemein menschliches Ausdrucksmittel ist, kann vorläufig nur selten in Erscheinung treten. Dem wirken die übliche Einstellung und der übliche praktische Musikbetrieb zu sehr entgegen. Ist doch heute fast alle Beschäftigung mit Musik ausschließlich auf Reproduktion und auf Eindruck eingestellt. Trotzdem werden wir immer mehr dazu kommen, in der Musik im selben Sinne, in gleichem Maße und mit der
gleichen Selbstverständlichkeit wie bei der Sprache ein ganz allgemeines Ausdrucksmittel zu sehen. Das setzt natürlich die Möglichkeit voraus, die Störungsquellen soweit ausschalten zu können, daß es auch tatsächlich allmählich keine „Unmusikalischen” mehr zu geben braucht. Dem als unbegabt gewerteten „Unmusikalischen” gegenüber haben wir bisher den „Musikalischen” als mit einem Vorzug begabt angesehen. Wollen wir nun die falsche, irreführende Begabungswertung nicht wieder zur Hintertüre hereinlassen, so darf der Satz, „daß es allmählich keine ‚Unmusikalischen’ mehr zu geben braucht”, nicht dahin umgekehrt werden, „daß allmählich alle Menschen ‚musikalisch’ sein werden”! Wir müssen uns daran gewöhnen, die allgemeine Ausdrucks- und Aufnahmefähigkeit als ein Problem jenseits von musikalisch und unmusikalisch anzusehen!
Daß dies nicht etwa eine Forderung nach „theoretischer” Klarheit oder ein Streit um Meinungen und Begriffe ist, daß auch praktisch alle Störungen, die den Menschen unmusikalisch erscheinen lassen, überwindbar sind, habe ich an der Hand von tausendfältigen praktischen Erfahrungen als Tatsache festgestellt. Für Beweis und Begründung — auch vom üblichen Musikstandpunkt aus — verweise ich auf einen älteren, im wesentlichen unter pädagogischen Gesichtspunkten gegebenen Bericht über meine Arbeit mit sogenannten Unmusikalischen. Ich habe schon damals an mehr als tausend Fällen aller Altersstufen, vom Kleinkind bis zum 65 jährigen, und Angehörigen der verschieden