You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Eine eingehende Untersuchung über dieses Thema müßte eine Menge interessanten Materials zutage fördern, welches Heinrich Pestalozzi als einen Forscher erscheinen ließe, der manche Feststellung der modernen Tiefenpsychologie bereits erfaßt und formuliert hat. „Er ist der erste, der mit klarem Blick erkannte, wie aus der kindlichen Liebe die höchsten sittlichen und religiösen Kräfte hervorwachsen”, schreibt Pfister, mit trefflicher Charakterisierung dieses seltenen Mannes, in seinem Buche: Die Liebe des Kindes und ihre Fehlentwicklungen.
Mit 72 Jahren hat Pestalozzi 34 Briefe an Greaves, einen englischen Freund, über die Erziehung des Kleinkindes durch die Mutter geschrieben. Diese Briefe wurden seinerzeit ins Englische übersetzt und blieben, da das deutsche Manuskript offenbar verloren ging, einem größeren deutschen Leserkreise verschlossen, bis sie im Jahre 1924, durch Heidi Lohner und Willy Schohaus zurückübersetzt und neu herausgegeben wurden unter dem Titel: Mutter und Kind (Verlag von Grethlein & Co., Zürich und Leipzig). — Dieses Werk ist von der ersten bis zur letzten Zeile eine Apotheose der Mutterliebe. „… Welche Kraft kann einflußreicher, anspornender sein, als die mütterliche Liebe — die sanfteste und zugleich unerschrockenste Kraft in der ganzen Naturordnung?” schreibt Pestalozzi. Diese Liebe soll eine „denkende” sein und in erster Linie „das Herz” des Kindes bilden. Verwöhnung soll dabei vermieden werden. „Wenn eine Mutter — aus dem Wunsche heraus, alles, was der Strenge gleicht, zu meiden — verleitet worden ist, ihrer schrankenlosen Milde nachzugeben, wird es sich nur zu bald zeigen, daß ihre Behandlungsweise, wie gut auch gemeint, dennoch unklug war.” Andererseits aber dürfen auch keine Furcht- und Schreckmittel zur Anwendung kommen. „Furcht kann nie als sittlicher Zwang wirken; sie wird immer nur ein Reizmittel körperlichen Begehrens sein und die Seele verbittern und der Mutter entfremden.”
Welch tiefen Blick besitzt Pestalozzi aber auch für die Gefahr,