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„Der Selbstverrat dringt den Menschen aus allen Poren.”
Ich hatte in meinem neunten Schuljahr, also bei 15- bis 16jährigen Kindern, schriftliche Rechnungsaufgaben aus dem Aufgabenbuche gestellt, die teilweise zu Hause zu lösen waren. Als ich am nächsten Tage die Hefte einsammelte und sie durchsah, bemerkte ich in demjenigen der Emma B. vorn hineingelegte fliegende Blätter. Es waren aus einem alten Heft herausgerissene, und darauf standen die Beispiele, die zu lösen gewesen, und die Emma in ihr Heft genau abgeschrieben hatte. Die Schülerin bekam auf die Frage, was die losen Blätter zu bedeuten hätten, einen sehr roten Kopf und gestand, das seien Teile aus dem Heft ihrer älteren Schwester, die vor zwei Jahren aus meiner Klasse und der Schule ausgetreten war. Emma hatte sich ihre Aufgabe erleichtert, indem sie die Rechenaufgaben aus ihrer Schwester Heft einfach abschrieb.
Dabei hatte sie natürlich nicht beabsichtigt, daß ihr Lehrer den Betrug merke. Daß sie die Blätter vorn in ihrem Heft liegen ließ, war offenbar eine Fehlhandlung und bedeutete nichts weniger als einen Selbstverrat, ein unbewußtes Geständnis.
Ich lachte die Schülerin in aller Freundlichkeit ein wenig aus und sagte dann zu ihr: „Du siehst, dein Gewissen ist stärker als deine Bequemlichkeit — sag’ mal: wie ist es dir gewesen, als du das Heft deiner Schwester gesucht hast und die Rechnungen abschriebst?”
„Ich wußte schon, daß ich eigentlich nicht sollte. Dabei lerne ich ja nichts. Aber ich wollte rasch fertig sein, um nach dem Aufgabenmachen noch ein bißchen ins Freie gehen zu können. Darum tat ich es doch.”
Nun zeigte ich der Klasse an diesem Beispiel das Wirken des unbewußten Gewissens. Selbstverständlich brauchte ich dazu keine wissenschaftlichen Ausdrücke, und ich sprach in der Muttersprache.
Solche Ausführungen erwecken immer das höchste Interesse der Schüler. Sie sind eine ganz andere Art von Moralunterricht, als wenn dieser an Hand von moralischen oder biblischen Geschichten erteilt wird. Denn sie w