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Ob man Kindern aufrichtige Mitteilungen über die sexuellen Tatsachen machen solle; wann damit anzufangen sei und wie die Mitteilung gestaltet werden sollte, — in diesen Fragen hat sich in den letzten Jahren ein sehr bemerkenswerter Wandel des Standpunktes vollzogen. So verschieden die Begründungen sind, deren sich die einzelnen Erzieher zur Rechtfertigung bedienen, so sehr die Methoden der verschiedenen Aufklärer von einander abweichen mögen, im wesentlichen dürften alle modernen Erzieher darin einig sein: das Storchmärchen muß abgeschafft werden. Ein Grund für diese Wandlung ist gewiß, daß in den vergangenen Jahren die Sexualität des Kindes — nicht zuletzt ist dies ein Verdienst Freuds und seiner Schule — tiefer erforscht und allgemeiner, vorurteilsfreier erkannt wurde. Gekannt hat man sie ja immer. Daß es ein Storchmärchen überhaupt gibt, beweist, daß man schon immer bemerkt hatte, wie die Kinder in einem sehr frühen Alter für Fragen, die sexuellen Inhalts sind, Interesse zeigen, und zwar ein Interesse, das nicht zufällig und nebensächlich ist; denn es erwies sich als unstillbar durch Antworten, wie etwa die wäre: „Wenn du größer sein wirst, wirst du die Sache verstehen.” Die Kinder forderten hartnäckig eine Antwort, und daher erfand man ihnen das Märchen. Die Wahrheit mochte man nicht sagen, angeblich, weil sie die Kinder nicht verstünden. Aber man hatte die Probe gar nicht gemacht. Verstünden die Kinder die Wahrheit nicht, so könnte man sie ihnen getrost sagen; dann würden sie von selbst einsehen, daß hier ein Problem vorliegt, das für sie erst später reif wird. Man verschwieg die Wahrheit, weil man wußte, die Kinder würden sie verstehen, und eben dies verhindern wollte.
Die neuen Erzieher wollen diese Verheimlichung nicht mehr, und zwar, wie mir scheint, aus zwei Gründen. Erstens haben sie die Erfahrung gemacht, daß die Verheimlichung schädlich und überdies gar nicht möglich ist; zweitens, weil der allgemeine Wesenszug der neuen Pädagogik als Aufrichtigkeit vor