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Wenn Vertreter der psychoanalytischen Wissenschaft aufgefordert werden, zu Fragen der Erziehung oder sexuellen Aufklärung endgültig Stellung zu nehmen, so tun sie dies meist nur zögernd. Freud hat einmal deutlich genug erklärt, er sei Forscher, nicht Reformer.
Uns scheint es so schwierig, zu sagen, was sein soll, da wir doch
erst daran sind, festzustellen, was ist. Erst wenn die unbewußten Triebkräfte sämtlich erforscht sind, welche die menschliche Seele heimlich bewegen, kann endgültig vorgeschlagen werden, wie bewußt zu erziehen wäre, z. B. wie Schäden der sexuellen Entwicklung verhütet werden könnten. Aus vielen individuellpsychologischen Erfahrungen heraus kann dann erst ein genereller Standpunkt gefunden werden.
Vorerst müssen wir wissen, was in der kindlichen Psyche vorgeht, ehe wir darangehen, ihr Richtung und Weisung zu geben. Die Freudsche Tiefenpsychologie zeigt die unbewußten, vom individuellen Erleben, aber auch vom phylogenetischen Erbe beeinflußten latenten Kräfte am Werk und verfolgt sie bis zu ihrem Ursprung. Ein Beispiel hiefür ist unser Thema.
Die psychoanalytische Forschung der letzten Jahre hat in der menschlichen Psyche einen überaus bedeutsamen, für gewöhnlich unbewußten Gedanken- und Gefühlskomplex aufgespürt und mit dem Namen Kastrationskomplex bezeichnet. Durch Befunde bei Neurosen aufmerksam gemacht, und Beweismaterial aus der wissenschaftlichen Traumdeutung und aus der Mythologie herbeiholend, fand die Forschung durch intensive Beschäftigung mit der kindlichen Seele folgende Tatsachen:
Die kleinen Knaben — über die entsprechenden Vorgänge beim kleinen Mädchen fehlt uns z. T. die Einsicht — nehmen sicherlich den äußeren Unterschied von Männern und Frauen wahr, aber sie haben zunächst keinen Anlaß, ihn mit einer Verschiedenheit ihrer Genitalien zusammenzubringen. Es ist dem kleinen Knaben natürlich, ein ähnliches Genitale, wie er es selbst besitzt, bei allen anderen Lebewesen, Menschen und Tieren, vorauszusetzen; ja wir wissen, daß er auch an