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Seit meiner studentischen Jugend, also seit reichlich 40 Jahren, habe ich die Einsicht gewonnen, daß die Verlogenheit der üblichen Erziehung in geschlechtlichen Dingen für die physische und psychische Entwicklung der heranwachsenden Generation gleich folgenschwer sei, und mich um ihre Anerkennung bemüht. In ungezählten Vorträgen vor Eltern habe ich die Frage erörtert, in Diskussionen meinen Standpunkt vertreten, in
meiner Sprechstunde auch darin Rat erteilt. So glaube ich mich denn dazu befugt, vom Verhalten der Erwachsenen zu der Frage einiges zu berichten.
Zwiespältig stellen sich die Menschen zu unserem Probleme. Vorerst lehnen sie es als Problem ab. Konnten sie ohne solche Skrupeln erzogen werden, ging es auch so, — wie schlecht es ging, wissen sie entweder nicht oder wollen es nicht wahr haben, — so ist es eine Störung ihres satten und im ruhigen Gewissen verankerten Behagens, solche Probleme aufzuspüren und Stellungnahme zu ihnen zu fordern. Und da man sich und anderen nicht gerne gestehen mag, daß man bloß sein blinzelndes Behagen verteidige, so verschanzt man sich lieber hinter sittlichen Bedenken. Es ist also nicht nur bequem, sich um diese Fragen zu drücken, sondern auch sittlich. Und die anderen sind ruchlose Entweiher kindlicher Unberührtheit. Aber dann regt sich das einmal geweckte Gewissen doch wieder, es läßt den Leutchen keine Ruhe, und so verlangt man von allen Seiten nach einem Vortrage über „sexuelle Erziehung”, dem der Ruf vorausgeht, er gebe auf die vielen Zweifel erschöpfende Auskunft, schrecke vor der „Wahrheit” nicht zurück und wahre doch ein hohes sittliches Niveau. Dankbarer Beifall, erfreulich-offene Aussprache, ehrende Zustimmung auch hoher kirchlicher Würdenträger, herzliches Geleite, Dankesbriefe, — und zu Hause fehlt dann doch meist der Mut zu neuen Wegen, man schiebt die Tat so lange auf, bis sich das aufgescheuchte Gewissen wieder halbwegs beruhigt hat. Und fromme Eiferer reihen mich in bewegten Zeilen unter die „Kinderverderber”. E