You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Unterwürfigkeit ist kein besonders auffallender Kinderfehler.
Kinderfehler? — Ich höre die schrille Stimme des Schulmagnaten : Wie? Sie zählen die Unterwürfigkeit zu den Kinderfehlern? Sie wollen eine der schönsten Tugenden des Kindes …? Das kann Ihr Ernst nicht sein! Das Kind soll sich nach meiner Meinung bedingungslos seinen Erziehern unterwerfen. Du sollst Vater und Mutter gehorchen! Dieses Gebot allein verbürgt uns einen guten, staatsbürgerlich gesinnten Nachwuchs. Sie wollen doch gewiß nicht Anarchisten großziehen! Unterwerfung ein Fehler, vielleicht gar eine Krankheit! Nein, das ist wider alle Vernunft. Das stellt die Welt auf den Kopf. Sie machen sich lächerlich!
Ich weiß nicht, vielleicht hat mein lieber Herr Kollege und Antipode unter den Lesern zustimmende Freunde. Sie können sich das Weiterlesen ersparen, denn mein „Fall”, über den ich berichten will, wird nicht ihr „Fall” sein.
Die Eltern eines neunjährigen Jungen, namens Kurt, der übers Jahr die Aufnahmeprüfung in eine Mittelschule bestehen soll, suchen bei mir Rat. Kurt leistet wenig in der Schule, ist stark tagträumerisch veranlagt und bringt wenig Willen und wenig Energie auf. Die Eltern sind verzweifelt. Sie verstehen die Charakterentwicklung Kurts um so weniger, als sie ihn nach modernen Grundsätzen glauben erzogen zu haben. Körperlich wurde er nie ernstlich bestraft. Er genoß die beste Pflege und hatte in den Eltern ein schönes Beispiel der Arbeitsamkeit.
Kurt erweist sich bei meiner Untersuchung1 als ein Knabe mit starker Intelligenzstörung und geringer Impulsivität. Die logische Funktion ist stark abgeschwächt. Der Drang, nach außen zu leben, sowie die Ichbildung scheinen verkümmert. Dagegen zeigt der Knabe eine ungewöhnliche affektive Suggestibilität.
Als weitere Eigenart Kurts fällt auf, daß er ungewohnterweise mehr an seinem Vater als an der Mutter hängt. Zu der drei Jahre älteren Schwester zeigt er eine typisch ambivalente (zuneigend und ablehnend zugleich) Einstellung.
Am Schluß der ersten Bespre