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Die Wertung der Onanie bei Ärzten und Nichtärzten ist in den letzten hundertfünfzig Jahren starker Wandlung unterworfen. Kant spricht an der Wende des achtzehnten Jahrhunderts von der „wollüstigen Selbstschändung”, er verwirft dies „Laster” aufs schärfste und spricht überhaupt
dem Menschen das Recht ab, seine Geschlechtseigenschaften der bloßen tierischen Lust zu widmen, für ihn ist die Selbstschändung noch schlimmer als Selbstmord, schon deshalb, weil man von letzterem sprechen könne, von ersterer nicht oder nur mit Beschämung. Zur Zeit Kants hatte ein berühmter Arzt, Tissot, ein Buch über Onanie veröffentlicht, in dem er viele Krankheiten aufzählte, die von der Onanie herrühren sollten, ein Buch, das auf Ärzte und Nichtärzte einen nachhaltigen Eindruck machte. Er ist auch der Schöpfer des Wortes „Onanie”. Theologen, Ärzte, Pädagogen waren der Meinung, daß Onanie eine seltene, nur bei abnorm veranlagten Menschen auftretende Unart sei, und verbanden zum großen Teil damit den Begriff der Sünde. Sie wiesen immer wieder darauf hin, daß viele Gehirn- und Rückenmarksleiden damit in Zusammenhang stünden. Millionen von Menschen des neunzehnten Jahrhunderts reagierten auf diese Lehre mit Krankheitssymptomen. Populäre Schriftsteller, darunter auch Kurpfuscher, malten das Bild des Leidens so grell aus, daß mancher schwankende Jüngling, wie nach der Lektüre von Werthers Leiden, seinem Schuldgefühl durch Selbstmord nachgab.
Es geht immer sehr lange, bis Arzt und Volk ihre Meinung ändern; manchmal hat das Volk früher die gute Einsicht, manchmal der Arzt. Erb, ein bedeutender Nervenarzt in Heidelberg, hat schon in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts darauf hingewiesen, daß viele angeblich der Onanie zur Last gelegten Krankheiten gar nichts mit ihr zu tun haben, und daß Onanie harmloser und verbreiteter sei, als Ärzte und Laien annehmen. Die Tierbeobachter konnten zeigen, daß die Onanie auch im Tierreich, sowohl in der Natur wie unter bestimmten Bedingungen der Gefangen